Unter Freunden aufwachsen
Von Thomas Hochstätter (30.06.2006)

 kinder_swDie Welt ist voller abstrakter Begriffe. „Integration" zum Beispiel meint ursprünglich so etwas wie „Wiederherstellung" oder Ergänzung". Im Alltag eines Kindergartens bedeutet es, dass sich die Kinder wohlfühlen sollen, egal, ob ihre Eltern aus Deutschland stammen oder ob sie bei der Geburt ganz gesund auf die Welt gekommen sind.

 

Filipa, Alessandro, Leticia, Thu Van, Adriana, Joana, Lorenz und Marlin besuchen den Kindergarten Altstadtspatzen an der Herforder Straße. Sie sind deutscher, portugiesischer, aramäischer, griechischer, spanischer und vietnamesischer Herkunft. 27 von 60 Kindern an der Herforder Straße haben Vorfahren aus dem Ausland. Drei Kinder, die wie Lorenz behindert oder von Behinderung bedroht sind, werden integrativ betreut.

ussling_sw„Integration". Ein Kind kann mit so einem Wort nichts anfangen. Auch viele Erwachsene tun sich schwer. Für Kindergartenleiterin Brigitte Ußling bedeutet es einfach Zeit. „Kinder, die nicht die gleichen Startbedingungen haben wie die anderen, brauchen eben mehr Zuwendung", erklärt sie. Und die anderen lernen im Idealfall gleich noch nebenbei, dass man Rücksicht nehmen muss.

 

Rücksicht nehmen - für die Gesellschaft heißt das: Geld bereitstellen. Denn Aufmerksamkeit ist in einem Kindergarten Arbeitszeit. Arbeitszeit, in der Thu Van sich verstanden fühlt, wenn sie von den Sitten in Vietnam erzählt, oder Lorenz die Sicherheit bekommt, dass er dazugehört, selbst wenn er nicht alles so kann wie die anderen. „Um in der Gesellschaft etwas zu bewirken, muss man bei den Kindern ansetzen", sagt Brigitte Ußling. Noch sei es leider nicht allen klar, wie wichtig gerade die ersten Jahre seien. Auch wenn darüber neuerdings zumindest schon einmal viel geredet würde.

 

An der Herforder Straße teilen sich elf Erzieherinnen neun Stellen, davon eine Integrationskraft. Sie decken eine Betreuungszeit von 6.45 bis 16.30 Uhr ab. Wobei Betreuungszeit zum großen Teil auch Bildungszeit meint. Denn: „Ein Kindergarten ist für alle die erste Chance", erklärt Brigitte Ußling. Hier würden kulturelle Wertvorstellungen vermittelt, Sprache geübt, Interessen gefördert. Im Kleinen - versteht sich.

 

Für die Kinder bedeutet das dennoch viel. Sie erleben im Idealfall ein selbstverständliches, unvoreingenommenes Miteinander. „Wir decken hier ganz viele Bereiche ab", sagt Brigitte Ußling. Das Team wolle Grundlagen vermitteln, die Basis schaffen für die Bewältigung all der Schwierigkeiten, die gerade auf Kinder ausländischer Herkunft und auf Kinder mit Behinderungen später unweigerlich zukommen. Ob die Kinder allerdings nur für ein paar Jahre „Zu Gast bei Freunden" sind oder sich in ihrer Umwelt auch später wohl fühlen werden, das wissen die Erzieherinnen nie, wenn sie ihre Schützlinge wieder abgeben. Aber sie hoffen mit ihnen. Jedes Mal.