Leuchtfeuer im christlichen Leben
Von Antje Eltzner-Silaschi (24.09.2006)

p10505481Predigt zu Galater 5, 25ff

Beim Lesen dieses Textes fühlte ich mich sehr erinnert an meinen Urlaub am Atlantik. Ich sah vor meinem inneren Auge das Meer mit seinen vielen Untiefen, mit den Klippen am Ufer und den Felsen unter der Wasseroberfläche. Dieses Meer - es wechselt seine Farbe je nach Wetterlage, es ist mal ruhig, mal sehr aufgewühlt.

Regelmäßig zieht sich der Atlantik zurück und zeigt so zeitweise das, was unter der Wasseroberfläche sich verbirgt. Aber wenn dann die Flut zurückkommt, sieht alles wieder ganz anders aus. Die großen Felsen unter der Wasseroberfläche, die bei Ebbe sichtbar sind, sind plötzlich eine große Gefahr, lebensgefährlich für Menschen, die sich auf dem Meer mit Schiffen unterwegs sind. Und da ist es gut, dass es Leuchttürme gibt an den Stellen, die es zu umschiffen gilt. Die Leuchtfeuer geben Orientierung bei Nebel oder in der Dunkelheit.  

Warum erzähle ich Ihnen das? Nun, solch ein Text wie der, der uns heute als Predigttext gegeben ist, kommt uns manchmal vor wie solch ein Meer. Er ist ein Meer voller theologischer Sätze, die jeder für sich genommen eine eigene Predigt wert wären. Da ist es gut, wenn wir wie ein paar Leuchtfeuer Sätze entdecken, die uns bekannt vorkommen, an denen wir uns orientieren können. Ich nenne Ihnen mal drei davon: „Einer trage des anderen Last"

„Was der Mensch sät, wird er ernten" und „Lasst uns Gutes tun". Diese drei Sätze möchte ich gern als Punkte nehmen, die uns Orientierung geben können im Meer dieser theologischen Sätze.

Also kommen wir zum ersten Leuchtfeuer:

„Einer trage des anderen Last" - oft gehört, vielleicht bei Trauungen, vielleicht haben Sie diesen Vers auch noch als Leitwort eines Kirchentages in Erinnerung. Ich erinnere mich noch sehr gut an diesen Kirchentag 1977 in Berlin. Damals war Berlin noch geteilt, und ich habe einen Ausflug in den Ostteil der Stadt als sehr belastend erlebt. Auf dem Plakat für diesen Kirchentag 1977 war ein Pakettragebügel abgebildet. Ich weiß nicht, ob Sie so etwas noch kennen: Ein Holzgriff, den man an der Paketschnur einhakte, damit die Schnur nicht in die Finger schneidet, ein Griff, um Lasten leichter tragen zu können. Lasten tragen ja, aber nicht bis zur eigenen Erschöpfung oder zum eigenen Schaden. Nach diesem Kirchentag habe ich begonnen, Theologie zu studieren. Ein Anliegen war mir immer, Kontakte zum Osten Deutschlands zu halten. Während des Studiums war ich viele Male zu Treffen mit Theologiestudenten aus Leipzig, die das für uns so selbstverständliche Studium unter schweren Bedingungen und mit viel Mut und Engagement durchhielten, um Pfarrer in der DDR zu werden. Ich habe das immer bewundert und unsere Studentengruppe hat sich sehr darum bemüht, die anderen in ihrem Vorhaben zu unterstützen. „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." Vielleicht kam der Mut zum Aufstand der Bürger ja auch aus diesem Lasten tragen helfen derer, die Beziehungen nie haben abbrechen lassen?

Liebe Gemeinde, genau darum geht es Paulus: Nicht, dass wir die Lasten der ganzen Welt tragen. Das geht gar nicht. Das stumpft ab, wenn wir darauf schauen. Das können Sie mir sicher auch bestätigen, dass die Flut der Bilder über menschliches Elend einen Schutzmechanismus in uns auslöst: Wir sehen gar nicht mehr wirklich hin. Ich möchte gern helfen, aber ich kann nicht alles. Aber was ich kann ist, den Menschen beim Tragen ihrer Lasten helfen, zu denen ich mich in Beziehung gesetzt habe. Das Gesetz Christi ist ein Gesetz des Lebens. Niemand lebt für sich allein! Der Mensch ist als soziales Wesen geschaffen. Dafür hat Gott uns Hände und Füße, Herz und Verstand gegeben, dass wir durch ihn hindurch und durch unsere Hände mit anpacken, vor unserer eigenen Haustür oder in Verbindlichkeit an einem anderen Ort. So kommt das Gesetz Christi hautnah an uns heran.

 

Und da sind wir schon beim zweiten Leuchtfeuer: „Was der Mensch sät wird er ernten". Das hört sich wahrhaftig sehr gesetzlich an. Typisch Christen. Moralapostel. Wo bleibt denn da unsere Freiheit?  Das, liebe Gemeinde, haben wir mit den Galatern gemeinsam. Hier kommen die Grundfragen der Galater und auch unsere Fragen zum Zuge, wenn es um das Leben im Geist Christi geht. Es geht um das Problem von Gesetz und Freiheit, von Fleisch und Geist, wie Paulus sagt. Wer aus dem Fleisch lebt, sagt Paulus, versucht, sich vor Gott ins rechte Licht zu setzen, möchte vor Gott durch Werke gelten. Aber so einfach geht das nicht. Denn wer sich aus Werken allein vor Gott gut darstellen möchte, steht in der Gefahr, auch den anderen nur nach Äußerlichkeiten zu bewerten. Darin liegen wieder zwei weitere Gefahren: Entweder - ich erhebe mich über den anderen und zeige mit dem Zeigefinger auf ihn wie der Pharisäer auf den Zöllner. Niemand ist aber dadurch gerecht, dass der andere ein Sünder ist. Oder, das ist die zweite Gefahr - ich werde dann auch von den anderen nach diesen äußeren Dingen beurteilt - und das kann für mich dann auch mal nicht so gut ausgehen. Also: wenn wir mit dem Zeigefinger der Moral auf den anderen zeigen, leben wir aus dem Fleisch. Die Früchte des Geistes aber sind andere Werte: Freundlichkeit, Sanftmut und Güte. Früchte in einem Obstgarten wachsen wie von selbst. Ja, aber sie müssen auch gesät, gepflanzt und gepflegt worden sein, sonst wird nie etwas wachsen. Wenn wir als Gemeinde Christi nicht das Pflänzchen von Christi Geist setzen und pflegen, werden wir keine schmackhaften Früchte, an denen sich der Gemeinde nah oder fernstehende Menschen ergötzen können, erzeugen. Sicher, nicht alles kann gut geheißen werden. Mit der Freiheit ist das so eine Sache. Wie frei sind wir eigentlich? Es hat einmal jemand gesagt, dass meine Freiheit da endet, wo der Lebensbereich eines anderen Menschen beschnitten wird. Und genau das ist der Punkt. Jeder wird hier selbst in die Verantwortung genommen. Es geht hier um das ständige Spannungsverhältnis von Gabe und Aufgabe des christlichen Glaubens. Freiheit ist etwas anderes als Willkür. Und Selbstkritik steht dem Selbstbetrug gegenüber. Nur wenn ich um mich selber als Menschen mit Fehlern weiß, kann ich auch den anderen in seinen Schwächen annehmen. Christi Freiheit ist die Befreiung von dem Zwang, ständig eine Maske der frommen Fassade aufzusetzen. Das kostet Kraft, die ich für dem Leben dienliches einsetzen könnte.

 

Kommen wir zum dritten Leuchtfeuer: „Lasst uns Gutes tun". Ja, ja, lieber Paulus, das wissen wir doch. Ist doch klar: Gutes tun, was sonst. Dieser Satz erinnert mich an die Geschichte von dem Konfirmanden, der nach dem Gottesdienstbesuch zu Hause vom Vater gefragt wird: „Und - worüber wurde gepredigt?" Und der Konfirmand antwortet: „Über die Sünde." „Und? Was hat er dazu gesagt?", fragt der Vater. „Na, das wir sie lassen sollen." Allzu Selbstverständliches bringt Paulus hier. Gutes tun! Aber viel wichtiger sind mir die Worte, in denen diese Aufforderung eingebettet ist: Solange wir noch Zeit haben, sagt Paulus. Und das heißt nichts anderes als: Jetzt! Und genau da höre ich schon die Einwände. Ich habe aber keine Zeit. Und der Pastor hat auch nie Zeit. Ich habe einen anstrengenden Job, ich habe einen großen Garten, ich muss meine Kinder versorgen....Einwände gibt es genug. Aber, liebe Gemeinde, Paulus hat mit seinen Worten sicher nicht gemeint, dass Sie von jetzt auf gleich ein Aids-Waisenhaus in Südafrika übernehmen sollen oder Kinder aus Nepal adoptieren. Nein, er weist uns auf unsere Glaubensgenossen, auf unsere Hausgenossen, auf das, was vor unseren Füßen liegt. An dem Ort, an dem wir stehen, sollen wir Gutes tun und Christi Botschaft weitertragen, und zwar die freimachende, erlösende frohe Botschaft vom Ja Gottes zu uns Menschen. Dafür ist immer Zeit, am Arbeitsplatz und in der Familie, gerade da, wo wir leben, da lasst uns Gutes tun und unseren Glauben glaubwürdig leben.

 

Ein afrikanisches Sprichwort sagt: Viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das  Angesicht der Erde verändern. Lasst uns hier damit anfangen, an diesem Ort, in dieser Stadt. Soviel Zeit muss sein, die Zeit haben wir, von Gott geschenkte Zeit. Lasst uns einander gut tun. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen