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Predigt zum Literaturgottesdienst "Das amerikanische Hospital" Drucken
Von Lars Kunkel (22.12.2012)

Liebe Gemeinde,

„One Art“ – eine Kunst. Dieses Gedicht haben wir eben im Lied gehört und es ist dieses Gedicht von Elisabeth Bishop, über das sich Hélène und David in der Cafeteria kennenlernen. In dem Gedicht heißt es: „The art of losing isn´t hard to master“. „Die Kunst oder die Schule des Verlusts ist nicht schwer zu erlernen“ könnte man vielleicht übersetzen.  Eine kühne Behauptung. Denn Verlieren ist schwer. Es mag eine Kunst sein, mit Verlusten zu leben, und mit Verlusten umzugehen ist hart. Auch Hélène und David gehen durch eine schwere Schule des Verlierens, doch ist es eben nun einmal ausgerechnet dieses Gedicht über die leicht zu lernende Kunst des Verlierens, durch das sie sich kennenlernen. Ihre Liebe zur Literatur führt sie zusammen.

Der amerikanische Soldat David  und die junge Französin Hélène kommen beide schon mit Verlusten in das Hospital. David stammt aus einer traditionsreichen Offiziersfamilie, doch er hat den Glauben an deren Ideale verloren.

Der Golfkrieg hat die Idee eines sauberen Krieges mit technischen Mitteln als Illusion enttarnt.

Hélène kann auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen. Auch das ist ein Verlust, genau wie die Erotik bei den zermürbenden Vorbereitungen und Durchführungen von künstlichen Befruchtungen verlorengegangen ist.

Im amerikanischen Hospital treffen beide aufeinander, ohne sich jedoch zunächst ihrer Verluste bewusst zu sein. Bei ihrer ersten Begegnung hält Hélène David in den Armen, und dieser Augenblick ist von großer Symbolik. Denn ausgerechnet durch das Aufeinandertreffen zweier so auf den ersten Blick unterschiedlicher Schicksale wird etwas Neues wachsen. Doch dazu müssen sie zuerst durch die Schule des Verlustes gehen, müssen sie die Kunst des Verlierens lernen, und das ist hart. Denn zunächst halten David und Hélène an ihren Zielen fest. Beide setzen auf die Kunst der Ärzte in einer hochentwickelten Gesundheitsmaschinerie, um erlöst zu werden: der eine von den Kriegstraumata, die andere von der Kinderlosigkeit.

David hofft, durch psychologische Behandlungen wiederhergestellt zu werden, Hélènes Hoffnung auf eine künstliche Befruchtung wird durch immer neue Therapieangebote weiter genährt.

Doch die Hoffnung stirbt immer mehr. Beide verlieren den Glauben an die Machbarkeit des Lebens. David wird nie wieder ein tapferer Soldat werden, Hélène wird kein Kind bekommen.  Diese Erkenntnis will keiner wahrhaben. Denn Verluste machen Menschen wohl zu Verlierern.

Und Verlierer sind einsam. Wir mögen keine Verlierer, weil wir insgeheim ahnen, dass wir selbst schnell Verlierer werden können. Und wer will schon scheitern? Wer will Träume, Ideale, Ziele, Lebensvorstellungen aufgeben? Doch die Realität sieht anders aus. Alles, was wir haben und alles, was wir sind, können wir verlieren. Das macht Angst. Und wenn wir dann verlieren, was uns so wichtig war, dann haben wir das Gefühl, dass wir untergehen, dass damit das Ende gekommen ist.

Doch für Hélène und David ist der Verlust nicht das Ende. Sie teilen ihre Angst, ihren tiefsten Horror. Ihre persönliche bloody mess, ihre jeweilige blutige Sauerei. Das muss so hart klingen.

Anders kann man diesen Ekel, diese Wut, dieses Entsetzen, diesen Schmerz wohl nicht umschreiben, den Hélène bei dem Verlust des Embryos und David in der Erinnerung an die sterbenden Ibisse und die zerbombten Kinder ergreift.

Doch diesen Moment des größten Schmerzes, der tiefsten Verletzung, können beide miteinander teilen. Ein Verlierer hört dem anderen zu, keiner muss sich mehr verstecken, nicht vor sich selbst, nicht vor dem anderen. Sie verstehen einander, weil sie letztlich dasselbe Schicksal haben. Sie haben etwas verloren, aber sie sind keine verlorenen Menschen mehr. Sie haben einen Verlust erlitten, aber sie sind keine Verlierer.  Der Verlust ist nicht das Ende. Es kann sogar eine Befreiung sein, den eigenen Verlust annehmen zu können, weil man sich von einem anderen damit angenommen weiß. Und das gemeinsam zu erkennen und zu erleben, das ist der Anfang. Der Beginn eines neuen Lebens.

Verlieren muss nicht der Untergang, das totale Desaster sein.

So heißt es in dem Gedicht: „Es ist nicht schwer, die Kunst des Verlierens zu beherrschen, so viele Dinge wollen scheint´s verloren gehen, dass der Verlust keine Katastrophe ist“. Wer so dichtet, hat Verluste erlebt. Doch er trotzt dem Verlust mit einem beachtlichen Lebenswillen. Und um so weit zu kommen, dürfen Verluste nicht verdrängt werden. Und dazu brauchen wir Menschen, die unsere Verluste teilen. Und wohl auch einen Gott, der Verluste kennt und uns darin nahe ist.

Vor diesem Hintergrund kann man das ganze Leben Jesu auch als eine Schule des Verlierens verstehen. Das fängt Weihnachten an mit einem Kind, das in einem Stall geboren wird. Jesus steht von Anfang an auf der Seite der Verlierer. Einfache Hirten erfahren zuerst die Botschaft von der Geburt des Gottessohnes, die alles andere als standesgemäß geschieht. Schon von Anfang an ist der Gottessohn den Menschen nahe, die am Rande stehen, die um ihre Existenz fürchten, die nichts oder nichts mehr haben, den Verlorenen. Symbol für diese Verlorenheit, die das Gotteskind teilt und mit Leben füllt, ist die Geburt im Stall.

Viele Jahre später wird Jesus im Garten Gethsemane selbst als Verlierer dastehen.

Die Hoffnung, als Gottessohn das Schicksal der Welt gewendet zu haben, ist verloren. Die Hoffnung, ein glückliches Leben führen zu dürfen, ist verloren. Die Hoffnung, wenigstens Freunde um sich zu haben, ist zerbrochen. Und am Ende zerbricht sogar das Leben.

Was auch immer wir im Leben verloren haben - Jesus steht an unserer Seite. Er steht auf der Seite all derer, die sich verloren fühlen, und teilt den Verlust, den wir ganz persönlich erlitten haben. Dass Gott uns so nahe kommt, ist für mich das  Größte, das ein Gott seinen Menschen schenken kann. Darum gibt es keinen Menschen, der für Gott verloren ist. Keinen, dessen Leben aufgegeben wird. Im Lukasevangelium heißt es über Jesus: „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“

Dass Gott die Verlorenheit teilt und keinen Menschen verloren gibt, kann uns helfen, Stück für Stück zu erkennen, was wir verloren haben. Oder was wir aufgeben mussten. Seite an Seite können wir in die Tiefe unserer Seele schauen, den Blick wagen in die Abgründe, ohne davon verschlungen zu werden.

Von diesem Blick kann eine Kraft ausgehen, die uns erkennen lässt, dass kein Verlust uns vernichtet. Denn Gott hat die Kraft, unsere Verluste zu wandeln und auf ihnen neue Hoffnung wachsen zu lassen. Neues Leben entstehen zu lassen.

Denn Jesus verliert nicht nur, er gewinnt ja auch. Er findet ein neues Leben bei Gott und alle Menschen, die trauerten um den verlorenen Freund und Retter, spürten, dass der Verlust nicht alles ist. Sie entdeckten, dass es ein neues Leben gibt, wo keiner mehr es vermutet hätte. Nicht einfach so wie bisher, sondern anders und doch auch gut. Daraus ist ein großer Lebensmut gewachsen, eine fast unglaubliche Kraft und das verrückte Gefühl: „Was auch passiert, Gott wird das Leben siegen lassen“.

Von Robert Frost, der ebenfalls zu den Dichtern gehört, über die Hélène und David reden, stammt der Satz: „In drei Worten kann ich zusammenfassen, was ich über das Leben gelernt habe: es geht weiter.“ Und das ist genau dieser fast unerklärliche Optimismus, den der Glaube schenken kann: Das Leben bleibt. Es geht weiter, nicht wie bisher, aber es geht weiter.

David und Hélène finden ein neues Leben, nachdem sie die Schule des Verlustes gemeinsam durchschritten haben und die Kunst des Verlierens gelernt haben. Hélène sagt zu ihrem Mann: „Ich kann nicht mehr“, doch das ist keine Resignation, sondern Aufbruch. Sie sagt: „Ich werde mein Leben neu orientieren müssen, ich werde mir einen anderen Lebensinhalt suchen.“ Zur Kunst des Verlierens gehört auch das Loslassen. Und auch David sagt am Ende „Ich schaffe es“. Nichts wird mehr wie vorher sein, doch das grämt ihn nicht mehr. In dem Gang durch Paris erwachen alte Fähigkeiten zu neuem Leben, er beschützt Hélène. Er gewinnt Aktivität und Handlungsspielraum zurück wie auch Hélène, die sich von ihrem Mann trennt. Beide haben etwas verloren, aber beide sind auch befreit, weil sie verlieren können, was ihnen in dem Klammern an das Unmögliche zur Last wurde. „Morgen ist auch noch ein Tag“, schnauzt einer an der Fähre und ahnt gar nicht, wie sehr er damit Recht hat. Es gibt ein Morgen.

„Die Kunst des Verlierens ist nicht schwer zu erlernen.“ Das stimmt so wohl nicht.

Denn etwas ist „dahin“ also verloren, und „dahin“ führt die Sehnsucht einen Menschen immer wieder zurück. Doch wer es schafft, Verluste zu erkennen, wer dabei das wunderbare Glück hat, sich verstanden und darin getragen zu fühlen, der lernt loszulassen. Der erkennt, dass ein Verlust einen Menschen nicht zu einem Verlierer macht, auch wenn er sich einen Moment verloren fühlt. Der gewinnt die Zuversicht darin, dass das Leben Bestand hat und Verluste nicht der Untergang sind, nicht die totale Katastrophe, sondern manchmal auch der Anfang. Und der findet den Trotz des Lebens gegen das Vergehen.  Einen Trotz, den wir im amerikanischen Hospital finden, in denen Michael Kleeberg das Gedicht „One Art“ so übersetzt:

Die Schule des Verlustes durchläufst du behende, so vielen Dingen scheint die Absicht eigen verloren zu gehen. Ihr Verlust ist nicht das Ende.

Und der Friede Gottes, der höher steht als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN.

 

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