logo_06-05x_web_640px
 
KontaktLoginImpressumDatenschutzerklärung
  Home arrow Gottesdienst arrow Predigten arrow Predigt zur Kunstausstellung „Durchblicke“
         
Home
Unsere Gemeinde
Auferstehungskirche
Gottesdienst
Café im Foyer
Familienzentrum
Kirchenmusik
Service

Altstadtgemeinde twittert title=

facebook_button.jpg

youtube-small-square-3220586.png 

 

 

 

Predigt zur Kunstausstellung „Durchblicke“ Drucken
Von Dr. Dierk Starnitzke (16.06.2010)

Pfingstensonntag 2010

Die Gnade des Hr. Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes mit euch allen.

Liebe Gemeinde, der Predigttext, auf den ich heute mit Ihnen hören möchte, steht im Johannesevangelium, Kap. 1, V. 43ff. Es ist nicht der vorgeschlagene Predigttext für den heutigen Pfingsttag. Den haben wir eben schon in der Lesung gehört. Aber angesichts dieses besonderen Anlasses der Eröffnung der Kunstausstellung hier in der Kirche möchte ich gern über einen Text predigen, der uns zum Thema dieser Kunstausstellung „Durchblicke“ und den hier in der Kirche ausgestellten Exponaten vielleicht einiges sagen kann:

Wir hören also Joh 1:

„43 Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa gehen und findet Philippus und spricht zu ihm: Folge mir nach!
 44 Philippus aber war aus Betsaida, der Stadt des Andreas und Petrus.
 45 Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth.
 46 Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh es!
 47 Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist.
 48 Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.
 49 Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!
 50 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, daß ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres als das sehen.
 51 Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.“


Liebe Gemeinde!

Ich beginne mit einem Gedicht:

„Scham

Wenn du mich anblickst, werd ich schön,
schön wie das Riedgras unterm Tau.
Wenn ich zum Fluß hinuntersteige,
erkennt das hohe Schilf mein selges Angesicht nicht mehr.

Ich schäme mich des tristen Munds,
der Stimme, der zerrissnen, meiner rauhen Knie.
Jetzt, da du mich, herbeigeeilt, betrachtest,
fand ich mich arm, fühlt ich mich bloß.

Am Wege trafst du keinen Stein,
der nackter wäre in der Morgenröte
als ich, die Frau, auf die du deinen Blick geworfen,
da du sie singen hörtest.

Ich werde schweigen. Keiner soll mein Glück
erschaun, der durch das Flachland schreitet,
den Glanz auf meiner plumpen Stirn nicht einer sehen,
das Zittern nicht von meiner Hand (…)

Die Nacht ist da. Aufs Riedgras fällt der Tau.
Senk lange deinen Blick auf mich. Umhüll mich zärtlich durch dein Wort.
Schon morgen wird, wenn sie zum Fluß heruntersteigt,
die du geküsst, vor Schönheit strahlen.“

Liebe Gemeinde, in diesem Liebesgedicht von Gabriela Mistral wird ein Wunder beschrieben. Das Wunder, das geschieht, wenn jemand voller Liebe angeschaut wird: „Wenn du mich anblickst, werd ich schön, schön wie das Riedgras unterm Tau.“ Der liebende Blick des anderen Menschen verändert mich, verändert dich, verändert jeden von uns. Wir werden frisch und neu wie das Gras im Morgentau.

Wenn wir liebevoll angeblickt werden, dann mag uns das zunächst verblüffen. Vielleicht müssen wir uns schämen wegen unseres Aussehens, das gar nicht so attraktiv ist. Bei mir die Glatze und der dicke Bauch, bei anderen von uns anderes. „Ich schäme mich des tristen Munds, der Stimme, der zerrissnen, meiner rauhen Knie.“, heißt es im Gedicht. Aber trotz dieser Scham, trotz dieses Wissens um die eigene Hässlichkeit, stellt sich dann auf einmal das Gefühl ein, doch schön und attraktiv zu sein. Das macht der Blick des anderen, der mich mit Liebe anblickt. Und der mir dadurch zeigt: Du bist mir wichtig und wert. Ich betrachte dich zärtlich, in all deiner Scham, mit den rauen Knien, dem dicken Bauch und was alles noch so anscheinend unattraktiv sein mag. Und durch diesen lieben, zugewandten Blick geschieht dann auf einmal eine wunderbare Verwandlung. In den Augen und durch den Blick des Geliebten werde ich schön. Wird jeder von uns schön. Und die Sehnsucht nach diesem liebenden Blick, der mich schön werden lässt, nimmt kein Ende. Im Gedicht: „Senk lange deinen Blick auf mich. Umhüll mich zärtlich durch dein Wort.“

In eben dieser Weise wird Nathanael durch Jesus angeschaut. Er ist skeptischer. Er mag nicht glauben, dass dieser Jesus solch ein besonderer Mensch sein soll. Als Philippus sagt, dass Jesus der Messias sei, der Erlöser, auf den die Juden seit langem warten, da ist er sehr zurückhaltend und kritisch. „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“ meint er etwas abfällig und arrogant. Aber er geht doch hin. Und als er Jesus begegnet, zeigt der ihm schon mit den ersten Worten, dass er ihn angeschaut und durchschaut hat: „Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist.“

Schamvoll steht Nathanael da und kann sich nur wundern, dass ihn Jesus so anspricht. „Woher kennst du mich?“ fragt er verwundert. Aber Jesus antwortet. „Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.“ Und da versteht Nathanael: „Jesus hat mich durchblickt und durchschaut. Schon lange bevor wir uns begegnet sind. Sein Blick deckt auf und stellt mich bloß in meiner Hässlichkeit und Arroganz. Aber es ist zugleich ein liebender Blick, der mich in meiner Nacktheit und Hässlichkeit verwandelt: zum Guten, zum Schönen, zum angenommenen und geliebten Menschen.“ Er erlebt das Wunder der Verwandlung durch den liebenden Blick Jesu. Er fühlt sich durchblickt, durchschaut. Und zugleich spürt er, dass er durch die Worte Jesu akzeptiert ist. Deshalb antwortet er Jesus mit den Worten: „Du bist der Sohn Gottes.“ Denn er versteht, dass solch liebender Anblick letztlich nur von Gott kommen kann. Vielleicht mag auch er da gedacht habe: „Senk lange deinen Blick auf mich. Umhüll mich zärtlich durch dein Wort.“

So wird Nathanael durch die Begegnung mit Jesus zugleich bloß gestellt und glücklich. Er beginnt Jesus zu vertrauen. Aber damit nicht genug, er beginnt an ihn zu glauben, als an den, der die Menschen unabhängig von ihren Eigenschaften anschaut und annimmt und liebt. Und der sie dadurch schön und glücklich macht. Und Jesus verspricht ihm, der jetzt den Blick Jesu vertrauensvoll dulden und genießen kann, sogar noch mehr: „Du wirst noch Größeres als das sehen.“ Und dann: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.“ Wer sich in dieser Weise angeschaut und geliebt erfährt, für den öffnet sich ein Stück des Himmels!



Liebe Gemeinde!

Kunst und Glaube haben viel gemeinsam. Über viele Jahrhunderte war es die religiöse Kunst in Kirchen und an vielen anderen Orten, die diese biblischen Geschichten ins Bild gesetzt hat. Sie verkündigte gewissermaßen durch ihre Bildsprache das Evangelium, für jeden Menschen sichtbar und verständlich, auch wenn er oder sie nicht lesen konnte. Und sie brachte dadurch die biblische Botschaft den Menschen auf neue Weise nahe. So geschieht es auch heute und hier in dieser Kirche. 19 Wittekindshofer Künstler haben, meistens im Kunstatelier begleitet von Andrej Socala und unter der fachlichen Leitung von Frau Dr. Heinrich, 97 Bilder geschaffen, die heute als Exponate die Kirche schmücken und noch die nächsten Wochen hier zu sehen sind. Sie schaffen damit eine anregende Verbindung zwischen Kunst und Kirche. Ich finde es deshalb sehr passend, dass diese Kunstausstellung in Zusammenarbeit mit der kuk (Kirche und Kultur) und der hiesigen Gemeinde hier in der Auferstehungskirche stattfindet. Und ich bedanke mich ganz herzlich stellvertretend für viele andere, die bei der Vorbereitung und Durchführung mitwirken, bei Pfarrer Birkelbach und Pfarrer Kunkel für diese intensive Kooperation. An dieser Stelle weise ich auch noch einmal auf die beeindruckende Tanzperformance heute Abend um 21 Uhr hin.

Was die Wittekindshofer Künstler mit ihren Bildern hier zur Ansicht bringen, sind zum größten Teil Anblicke von Menschen und ihren Gesichtern. Gerade aus der Sicht moderner Kunst kann man Bilder ja in sehr verschiedener Weise betrachten und deuten. Dazu wird uns gleich nach dem Gottesdienst Herr Nachtigäller vom Museum MARTa noch eine bestimmt sehr interessante Einführung geben. Jeder Beobachter von Kunstwerken ist in seiner Betrachtung auf eigene Weise kreativ und inspiriert. Er verändert dabei vielleicht auch seinerseits die Kunstwerke, indem er seine Deutung und Sicht hinein interpretiert. Deshalb werden keine zwei Menschen im gleichen Bild das Gleiche sehen. Es entfaltet sich für jeden und durch jeden Betrachter neu.

Ich sehe aus meinem Blickwinkel diese Kunstwerke folgendermaßen: Vielleicht bearbeiten die Künstler mit ihren Bildern auf ihre Weise das gleiche Thema wie es in der Begegnung Jesu mit Nathanael und in dem Liebesgedicht von Gabriela Mistral zutage tritt. Es geht in den meisten Bildern um Gesichter von Menschen. Sie erscheinen in vielen Variationen. Mal werden sie sehr realistisch gemalt, mal eher abstrakt. Manche erscheinen einzeln, manche in Gruppen. Einige wirken auf den ersten Blick eher abstoßend als Fratzen, andere sehr lustig. Manche dieser Menschenbilder vermischen sich auch mit anderen Motiven. Sie erscheinen wie Bäume oder Häuser. Und dann weitet sich von diesen Menschengesichtern ausgehend der Blick sogar noch weiter aus: in Richtung auf Tiere, Pflanzen und Gegenstände und schließlich auf rein abstrakte Farbkompositionen.

Durch diese Bilder von Menschen und ihren Gesichtern geschieht für mich etwas ganz ähnliches wie in der Begegnung Jesu mit Nathanael und im Liebesgedicht von Gabriela Mistral. Unter dem aufmerksamen und liebenden Blick des Künstlers verwandeln sich die gemalten Menschen. Sie werden in einen größeren Kontext gestellt, werden bunter und vielfältiger. Sie erscheinen zusammen mit anderen oder in der Natur in einem harmonischen Ganzen. Oder auch einfach nur reduziert auf einige wesentliche Linien. Der Künstler, die Künstlerin durchschauen, durchblicken das vordergründige Gesicht des Menschen. Sie ordnen ihn ein in einen größeren Zusammenhang, arbeiten Facetten heraus, die der oberflächliche Betrachter nicht sehen kann, betrachten ihn in der Tiefe.

Was auf den ersten Blick fast wie ein abstoßendes Gesicht erscheint, wird durch kunstvolle Komposition von Linien und Farben genauer betrachtet zu einem schönen Kunstwerk. Das macht der kreative, vielleicht auch liebende Blick des Künstlers. Mit dem er den anderen Menschen anschaut und im Bild gestaltet. Und sicherlich ist auch so manches Selbstbildnis dabei, bei dem der Maler eher in den Spiegel geschaut hat, als er sein Bild schuf.

Durch den Blick des Betrachters werden deshalb auch diejenigen schön, die diese Bilder gemalt haben. Wenn wir diese Bilder anschauen, dann öffnen sie uns nicht nur einen Blick in andere Welten. Sie zeigen uns auch die Schönheit der Menschen, die das geschaffen haben. Wir verstehen, dass sie Künstler sind, mit reichen Begabungen, manche unscheinbar und unbekannt, andere schon preisgekrönt auf großen Ausstellungen und Wettbewerben. Sie stehen mit ihren Bildern im Mittelpunkt dieses heutigen Tages und der kommenden Wochen. Und wir sind ihnen dankbar und staunen, was sie für uns und andere an „Durchblicken“ geschaffen haben.


Liebe Gemeinde!

Der Blick der Wittekindshofer Künstler auf die Menschen in ihren Bildern, der Blick Jesu auf Nathanael, der Blick des Liebenden im Gedicht von Mistral. Sie können uns etwas darüber sagen, wie wir schauen sollen und können. Es geht darum, den anderen Menschen mit Liebe und Wohlwollen anzublicken. Es geht darum, zu ihm durchzublicken. Das in ihm zu erkennen, was gut und schön und liebenswert ist. Unabhängig davon, ob er oder sie nun im ersten Augenschein attraktiv ist oder nicht. Auch die alte Frau, auch der schwer behinderte Jugendliche, auch der unangenehme Nachbar sind in dieser Hinsicht schön. Gegen den Wahn der Jugend und äußerlichen Schönheit sagt uns das Evangelium Jesu Christi, sagt uns das Gedicht und sagen uns diese Bilder: Schau dir die Menschen in Liebe an! Und erlebe, wie sie durch deinen Blick verwandelt werden! Menschen werden nicht schön durch Schönheitsoperationen oder Fitnessprogramme, durch herrliche Kleider oder Kosmetik. Sie werden schön dadurch, dass sie von anderen Menschen in ihrem Wesen angeschaut und erkannt werden. Und dass sie in diesem Blick so angenommen werden, wie sie sind. Als liebenswerte Geschöpfe Gottes.

Jeder und jede von uns ist schön. Weil wir von Gott geschaffen wurden und erhalten werden. Und weil uns sein Sohn Jesus Christus so anschaut, wie er Nathanael unterm Feigenbaum angeschaut hat.

Lasst uns deshalb gegenseitig aneinander diese Schönheit entdecken. Lasst uns einander liebevoll und aufmerksam anschauen! Und lasst uns dann die Erfahrung machen, dass dieser liebevolle Blick des anderen uns schön und wertvoll macht. So wie es uns die hier ausgestellten Bilder zeigen.

Dass wir das immer wieder fertig bringen und erfahren können, das schenke uns Gott!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
 

Für Sie ausgewählt

 

 

Tipps
  • Gottesdienst
    28.10.2018, 10:00 Uhr
    mit Austellungseröffnung
mehr Tipps
#c8f4f7 #F1F4F7  
© 2018 Kirchengemeinde Bad Oeynhausen-Altstadt
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.