|
|
|
|
Fremde Heimat Kirche |
|
Von Lars Kunkel (14.06.2010)
„Ihr seid nicht mehr Gäste oder Fremde, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen“, heißt es im Epheserbrief. Doch viele Menschen fühlen sich trotzdem eher fremd in der Kirche, und dafür können sie meist gut Gründe nennen. Nehmen wir einmal als Beispiel die Gottesdienste. Die Melodien vieler alter Lieder erschließt sich nicht auf Anhieb den Menschen, die sonst lieber Popmusik hören. Und auch die Predigtsprache hat es in sich. Nicht nur Konfirmanden haben manchmal Probleme, wenn sie die Gedanken der Predigt mit eigenen Worten wiedergeben sollen oder sich in einer Liturgie zu Recht finden sollen, deren Sprache eine Fremdsprache ist oder wie eine solche wirkt. „Kyrie eleison“ ist griechisch. Und wenn es in der Liturgie z.B. heißt „darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schaden“, verstehen das längst nicht mehr alle auf Anhieb.
Gottesdienste sind alles andere als „selbst verständlich“. Natürlich gibt es viele Menschen, die sich in der Liturgie, der Musik und der Sprachen ganz geborgen und zu Hause fühlen. Doch das ist der kleinere Teil. Schon allein, weil wir alle so verschieden sind, fühlen wir uns mal mehr und mal weniger Zuhause. Eine Familie mit Kindern freut sich über einen Gottesdienst mit Anspiel und Bewegungsliedern, ein anderer wäre an diesem Tag lieber zu Hause geblieben und sagt: „Das ist einfach nicht meine Welt“. Genau so geht es der Familie an vielen anderen Sonntagen.
„Ihr seid nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der
Heiligen und Gottes Hausgenossen!“ Aber so ganz einfach ist das nicht
für denjenigen, der sich schon in den Gottesdiensten bestenfalls als
Gast fühlt. Doch gerade dieses Fremdsein gehört eigentlich zu jedem
Gottesdienst dazu und hat einen tieferen Grund, der jenseits aller
unterschiedlichen Kulturen, Geschmäcker und persönlichen Vorlieben
liegt. Eigentlich sollte sich jeder im Gottesdienst ein bisschen fremd
fühlen.
Denn dort begegnen wir Gott und dem Heiligen. Und weil Gott sich nicht
nahtlos und harmonisch in unser Leben einbauen lässt, weil Gott Gott ist
und wir Menschen Menschen sind, ist eine Begegnung mit Gott immer eine
Begegnung mit dem Fremden.
Wir Menschen werden Gott nie ganz begreifen, nie ganz verstehen, nicht
für uns vereinnahmen.
Die Bibel erzählt uns viele Erfahrungen von Menschen, denen Gott ganz
fremd und manchmal sogar auf unheimliche Weise begegnet ist. Mose darf
Gott nicht von Angesicht zu Angesicht sehen, weil ein Mensch diesen
Anblick nicht fassen kann. Gott ist nicht einfach ein Faktor in unserem
Leben, den wir berechnen oder sogar steuern können.
Wenn wir dem Heiligen begegnen, dann hat das immer etwas Erschreckendes
und etwas Faszinierendes zugleich, ist aber nie vertraut und gewöhnlich.
Insofern muss man damit rechnen, dass Gottesdienste immer auch etwas
Fremdes haben und man sich hier fremd fühlt. Wer erwartet in
Gottesdiensten denn schon, dass alles so ist wie im Alltag? Ganz im
Gegenteil: Im Gottesdienst und in der Begegnung mit Gott suchen wir doch
etwas anderes. Wir suchen Halt in einer Welt, die oft so haltlos ist.
Wir suchen Liebe und Geborgenheit in einem Leben, das oft so einsam und
kalt ist. Wir suchen Vergebung für das, was Menschen und wir selbst uns
nicht vergeben können.
Wir suchen Sinn in einer Biographie, deren Fäden sich oft verlaufen und
verheddern. Mit all dem kommen wir zu Gott, weil wir ahnen, dass nur er,
der ganz anders ist als alles, was wir sonst erleben und hören, eine
Antwort für uns hat. Suchen wir also in Gottesdiensten nicht gerade das
andere, das Fremde?
Fremdsein ist im Grunde nichts Negatives, sondern birgt eine große
Chance für unser Leben. Eine Möglichkeit, durch die Begegnung mit Gott,
dem ganz anderen, uns selbst und unserem Leben näher zu kommen. Gerade
die Begegnung mit dem fremden Gott ist es, die unser Leben verändert.
Und vielleicht wird uns gerade dadurch manches, was uns so vertraut
erscheint, mit einem Mal fremd. Plötzlich sind wir versöhnt, geliebt,
geborgen und bereit, in eine neue Zukunft aufzubrechen.
Möglich wird dies aber erst, weil Gott nicht nur der Fremde ist, sondern
sich gezeigt und erkennbar gemacht hat. Durch Jesus Christus wird Gott
fassbar. In ihm liegt eine Antwort auf unsere Lebensfragen. Durch ihn
wird Gott uns vertraut. Er ist uns nahe selbst in Leiden, Tod und
Gottesferne.
Er gibt unserem Leben eine Richtung, indem er unseren Blick auf unsere
Mitmenschen richtet. Er macht uns zu Brüdern und Schwestern im Hause
Gottes. Er geht zu den Menschen an die Orte, wo sie sich gerade
aufhalten, um ihnen die Liebe Gottes zu bringen. Er ruft Menschen zur
Umkehr, die sich in ihrem Leben verstrickt und verbogen haben. Er lässt
Menschen aufatmen, die sich ausgestoßen und fremd gefühlt haben. Er gibt
unseren aufgeschreckten Seelen eine Heimat und ein Zuhause. Keiner muss
sich mehr ganz und gar fremd fühlen, weil keiner bei Gott außen vor
steht. Jesus kennt unsere Neigung, andere abzuwerten und alles, was uns
fremd ist, als Bedrohung zu verstehen. Er lässt jeden Menschen in seiner
ganzen Unterschiedlichkeit nicht nur gelten, sondern nimmt ihn in die
Hausgemeinschaft Gottes auf.
Im Epheserbrief wird dies in einem bekannten Bild beschrieben. In einem
Kuppelbau gibt es ein Fundament aus Aposteln und Propheten, und die sind
ja auch durchaus sehr unterschiedlich. Doch sie wachsen zusammen und
werden gehalten von dem Schlussstein oben im Gewölbe, auf das die ganze
Konstruktion hin ausgerichtet ist und zusammengehalten wird.
So unterschiedlich die einzelnen Mauern und Steine auch sind, sie sind
verbunden und getragen durch diesen einen Stein.
Dieses Bild gibt uns eine neue Perspektive auf unser eigenes Gefühl des
Fremdseins und auf den Umgang mit den Menschen, deren Art zu glauben und
zu leben uns fremd ist, weil sie anders ist als die unsrige.
Vor gut zehn Jahren hat die Evangelische Kirche von Deutschland eine
Studie veröffentlicht, in der die Haltung der Kirchenmitglieder zu ihrer
Kirche untersucht wurde. Sie trug den bezeichnenden Titel „Fremde
Heimat Kirche“. Das Ergebnis lässt sich stark verkürzt so
zusammenfassen. Viele Menschen haben eine positive Grundhaltung zu ihrer
Kirche, obwohl sie nur an wenigen Anlässen Kontakt mit ihr haben.
Hauptsächlich bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen kommen sie in die
Kirche. Die Kirche und die Gottesdienste sind zwar Heimat, aber eben
auch fremd.
Doch so erfreulich diese positive Grundhaltung zur Kirche gewiss ist.
Die Kirche darf sich nicht mit diesem Gefühl der Fremdheit abfinden.
Dass wir keine Gäste und Fremdlinge sind, sondern Mitbürger der Heiligen
und Gottes Hausgenossen, ist in erster Linie eine Zusage, ein
Versprechen, ein Geschenk. Auch wenn der eine oder andere sich fremd
fühlt, er ist genauso und gleichberechtigt Mitbewohner im Hause Gottes.
Und das Folgen für unser Handeln: Keiner darf den anderen ausschließen
oder ihm erst Auflagen machen, wie es zu sein hat, bevor er Vollmitglied
im Hause Gottes ist. Ganz bildlich führt uns das Evangelium des
Sonntages vor Augen, dass Gottes Einladung an alle ergeht, auch und
gerade an die, die sich nicht richtig zugehörig fühlen oder von den
anderen als nicht zugehörig bewertet werden.
Gerade weil das Evangelium, die Botschaft von Jesus Christus von der
Liebe Gottes, an alle Menschen gerichtet ist, muss sich jede Gemeinde
darum bemühen, einladend und gastfreundlich zu sein. Dazu gehört eine
freundliche Atmosphäre ebenso wie eine verständliche Sprache in der
Predigt und eine abwechslungsreiche Zusammenstellung der Musik.
Dazu gehört aber auch und vor allem ein offener Geist, der Menschen mit
unterschiedlichen Meinungen, Glaubensrichtungen mit Respekt und Liebe
begegnet. Dazu gehört eine Grundhaltung, die in Menschen, die anders
glauben und leben als man selbst, ebenbürtige Hausgenossen Gottes sieht
und nicht Fremde oder Gäste, denen man sozusagen erst mal die
Hausordnung zur Kenntnis gibt. Darum gibt es in dieser Gemeinde
Literaturgottesdienste und Thomasmesse, Konzerte und Ausstellungen.
Darum feiern wir Familiengottesdienste ebenso wie liturgisch geprägte
Gottesdienste. Und das ist auch der Grund, warum wir das Foyer der
Auferstehungskirche umbauen. Dort soll ein Raum entstehen, der alle
Menschen einlädt. Dort sind Menschen willkommen, die sich mit der Kirche
und der Gemeinde eng verbunden fühlen. Und ganz genauso die, die auf
der Suche sind. Die sich erst einmal vorsichtig herantasten wollen. Das
Evangelium von Jesus Christus ist nichts Exklusives, also etwas
Ausschließendes. Ganz im Gegenteil: Das große Abendmahl und die Zusage,
ein Mitbewohner im Hause Gottes zu sein, hat etwas Inklusives,
Aufschließendes, Öffnendes und Einladendes.
„Jesus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die
ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren“, heißt es im
Epheserbrief. Unsere Aufgabe ist es nun, dieses Hausgemeinschaft zu
gestalten. Indem wir Menschen unterschiedliche Zugangsweisen zum Glauben
eröffnen, aber auch indem wir einander mit mehr Toleranz begegnen und
in den ganz unterschiedlichen Gottesdiensten und Glaubensformen immer
davon ausgehen, dass auch dort alles zu dem einen hinstrebt, von dem
alles getragen und zusammengehalten wird.
Und der Friede Gottes, der höher steht als alle unsere Vernunft, der
bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN.
|
|
|
|