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Zeitgeist |
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Von Lars Kunkel (30.05.2010)
Predigt zum Ökumenischen Gottesdienst Pfingstmontag Zeitgeist! Schon bei dem Wort schrecken viele auf. Zeitgeist, das scheint nichts Gutes zu sein. Egoismus, Habgier, Erlebnisgesellschaft, Oberflächlichkeit, Finanzkrise - das alles ist der Zeitgeist. Dass Jugendliche und junge Erwachsene sich lieber im Internet als in den kirchlichen Jugendkellern treffen, ist der Zeitgeist. Dass Menschen sich nicht mehr gern festlegen und immer weniger an das Allgemeinwohl denken, ist der Zeitgeist. Auch und gerade im kirchlichen Denken ist der Zeitgeist - wie mir scheint - ein Sammelbegriff für alle Ausdrucksformen des gesellschaftlichen Lebens, die irgendwie weniger moralisch, nützlich und wertvoll sind. Ist der Zeitgeist ein Ungeist?
Auf diese Frage scheint es ja hinauszulaufen, wenn man den Zeitgeist geißelt, ein beliebtes Thema nicht nur in kirchlichen Kreisen, sondern auch in anderen Runden, in denen Menschen sich durchaus ernsthafte Gedanken um die Welt, unsere Stadt, unsere Kirche und die Zukunft der Menschen machen.
Wie schnell redet man sich da in Rage über den Zeitgeist, unter dem wir ja auch wirklich leiden, und vergisst dabei, dass jeder und jede einzelne von uns dem Zeitgeist unterworfen ist. Es gibt nicht uns, die Guten, und die anderen, die Schlechten, oder doch? Im Korintherbrief heißt es ja recht vollmundig: „Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt.“ Das klingt natürlich schon nach Überlegenheit. Ich würde jetzt aber gern wissen:
Sind wir sicher, geistliche Menschen zu sein, die andere beurteilen dürfen? Können wir für uns überhaupt in Anspruch nehmen, durch und durch geistliche Menschen zu sein? Ich muss gestehen, dass ich hier persönlich Zweifel habe
.
Denn auch die Kirche bleibt vom Zeitgeist nicht verschont, sie hat
schon manches Mal versucht, ihm sogar hinterher zu hecheln. Das ist in
einigen Fällen unsäglich dramatisch ausgegangen, wie in der Anbiederung
der Kirche an den Zeitgeist des Nationalsozialismus, hat mal aber auch
nur lächerliche Züge, z.B. wenn ein Pfarrer ungelenk versucht, die
Jugendkultur sprachlich zu imitieren. Einerseits folgt die sichtbare
Kirche durchaus dem Zeitgeist.
Andererseits ist es jedoch sogar gut, sich nicht dem Zeitgeist zu
verschließen, wenn man sich überlegt, was Zeitgeist eigentlich meint.
Aufgebracht wurde der Begriff im 18. Jahrhundert vom Dichter und
Philosophen Johann Gottfried Herder: Der Zeitgeist ist die Denk- und
Fühlweise einer Zeit.
Der Zeitgeist ist im Grunde weder böse noch gut. Im Zeitgeist spiegeln
sich die Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen, ihre Träume und
Ängste, und diese abzuwerten ist pure Arroganz und sicher kein Zeichen
der Nachfolge Jesu. Und wer diese Großwetterlage der Seele übersieht
oder sogar abwertet, verliert den Kontakt zu den Menschen und zur Welt.
Der Zeitgeist ist ein Ausdruck unseres Lebens, unser aller Lebens, und
auch die Kirche als sichtbare Kirche trägt den Zeitgeist in sich und
ist deshalb nicht rein geistlich.
Aber die Kirche ist dem Zeitgeist nicht rettungslos unterworfen. Als
Gemeinschaft der Gläubigen und gegründet auf Jesus Christus und sein
Wort hat sie einen anderen Geist, der sie leitet: den Heiligen Geist.
Er tritt als Geistzeit dem Zeitgeist entgegen.
Um das besser zu verstehen, muss man sich klar machen, dass er Heilige
Geist sich fundamental vom Zeitgeist unterscheidet. Nicht weil es im
simplen Sinne besser ist, sondern weil er ein Geschenk ist. Wir können
über ihn nicht verfügen. Der Heilige Geist Gottes schenkt uns die
Momente, in denen wir ganz zu uns selbst finden können. In denen wir
über den Sinn unseres Lebens nachdenken können und uns der Frage
stellen, was unser Leben ausmacht. Der Heilige Geist schenkt uns die
Nähe Gottes und auch die Offenheit, diese Nähe überhaupt spüren zu
können, für die uns der Zeitgeist keine Zeit und keine Kraft lässt.
Geistzeit ist für mich, wenn ich in der Kirche ein stilles Gebet
spreche. Geistzeit ist für mich, wenn ich mit Freunden zusammen bin und
sich mein Horizont weitet, weil wir die Phase des Jammerns und Klagens
hinter uns gelassen haben und Pläne schmieden und Ideen haben.
Geistzeit ist es auch, wenn in der Nacht der offenen Kirchen die ganze
Fülle des ökumenischen Lebens hier vor Ort spürbar wird. Es ist schon
etwas ungewöhnlich, sich gleich vier Stunden auf viermal
unterschiedliche Weise für Gottes Geist zu öffnen.
Wieviel Geborgenheit fanden wir in den Psalmengesängen in der
katholischen Kirche, eingehüllt in den für protestantische Nasen so
exotischen Duft von Weihrauch. Wie erquickend war das einfaches Glas
Wasser, der Lobpreis und die Innigkeit der Gebete in der
Christuskirche. Wie berührend war es zu sehen, mit welcher Hingabe
Tänzerinnen und Tänzer vom Wittekindshof menschliche Beziehungen und
Gefühle dargestellt haben. Und wie nachdenklich haben uns die alten
Abendlieder, Lesungen und Gebete in der so stimmungsvoll beleuchteten
Heilig-Geist Kirche gestimmt . Eine angeregte und anregende Zeit ist
diese Geistzeit, in der wir unsere Mitte finden können.
Der Zeitgeist hingegen treibt uns hin und her. Er führt uns dazu, immer
unruhig zu sein, nichts zu verpassen, immer mehr zu schaffen und zu
bewältigen. Sich zu permanent vernetzen und weiterzubilden, immer aktiv
zu sein. Das alles kann auch schön sein, kommt aber oft auch wie ein
Bumerang zurück und tut der Seele weh. So viele Menschen klagen
darüber, dass sie sich müde und abgeschlagen fühlen. So viele finden am
Abend keine Ruhe mehr und können nicht mehr abschalten, weil sich das
Rad des Lebens den ganzen Tag so rasant gedreht hat und es am nächsten
Morgen weitergeht. Immer erreichbar sein, immer online gehen, nie
abschalten, sondern höchstens mal auf Standby stehen bei ein wenig
Zerstreuung oder Flucht und jederzeit bereit, in Sekunden wieder auf
Hochtouren zu drehen.
Die alte Kirche hat mit ihren Gebetszeiten den Menschen Raum für
Geistzeiten gegeben, weil sie den Tagesablauf so strukturiert hat, dass
Freiraum für das Gebet und den Kontakt mit dem Heiligen Geist blieb.
Oder denken Sie an die Regeln Benedikts, in denen Arbeiten, Beten und
Lesen fest verankert sind. Heute nimmt die Arbeit oder das Gefühl,
nichts mit sich anfangen zu können, den größten Raum ein. Wo bleibt
Zeit für das Gebet oder das Lesen? Gibt es so etwas wie ein durch
Gottes Geist inspiriertes Zeitmanagement?
Paulus schreibt an die Korinther: „Wir aber haben nicht empfangen den
Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was
uns von Gott geschenkt ist.“ Die Geistzeit ist eine geschenkte Zeit,
der Zeitgeist hingegen oft eine erarbeitete, erkaufte und
schlimmstenfalls verlorene Zeit.
Geschenkte Zeit, erfüllte Zeit, es ist wohl eine solche Zeit, nach der
wir alle uns sehnen und diese Sehnsucht hat Gott Pfingsten erfüllt.
Paulus geht in seinem Brief davon aus, dass sich im Menschen ein Wandel
vollzieht. Dass aus dem natürlichen Menschen ein geistlicher Mensch
wird. Im Grundsatz ist der Mensch also verändert. Pfingsten ist der
Geist auf die Gemeinschaft der Glaubenden gegossen worden. Und bei
unserer Taufe ist für uns persönlich um den Heiligen Geist gebeten
worden. Damit ist in uns Geistzeit angelegt, die den Zeitgeist
beeinflussen kann. Nicht, indem wir den Zeitgeist geißeln, sondern in
dem wir ihn beurteilen - man muss genau hinhören - beurteilen,
nicht verurteilen. Anakrino steht dort im Griechischen, und das meint
das Prüfen und Untersuchen bei einem Verhör. Der Geist Gottes begabt
uns mit der Fähigkeit, kritisch auf das Zeitgeschehen zu sehen, doch
wir sind die Anwälte des Lebens und der Liebe und nicht die Richter.
Wir untersuchen den Zeitgeist, aber wir sprechen kein Urteil. Das ist
ein feiner, aber sehr bedeutender Unterschied.
Christen untersuchen den Zeitgeist, dessen Teil sie selbst sind. Bei
einer solchen Untersuchung muss man sehr aufpassen, dass das Ergebnis
nicht verfälscht wird. Denn wenn der Untersuchende und sein Gegenstand
identisch sind, besteht ja immer die große Gefahr der
Voreingenommenheit. Wir müssen daher uns immer selbstkritisch
hinterfragen, ob da mein kleines Ich redet oder Gottes Geist in mir und
durch mich.
Erst durch den Heiligen Geist stehen Christen dem Zeitgeist wirklich
glaubwürdig kritisch gegenüber. Sie schauen genau hin, wo der Zeitgeist
Leben zerstört und gefährdet. Gleichzeitig prägen Christen den
Zeitgeist, in dem sie aus ihrem Glauben und als geistliche Menschen
Akzente setzen: Sie treten ein für Feiertage, in denen Menschen sich
auf sich selbst, ihre Familie und auf Gott besinnen können. Sie erheben
ihre Stimme gegen Ungerechtigkeit und Armut. Sie diskutieren mit, wenn
es um die Gestaltung der Bildungspolitik geht. Sie trösten und teilen,
sie hoffen und lieben.
Sie halten sich nicht für besser als andere, aber sie wollen die Welt
verbessern mit Taten und Worten, die der Geist uns lehrt. Geistzeit und
Zeitgeist müssen keine Gegner sein. Im Zeitgeist finden wir Menschen
uns wieder, mit unseren Möglichkeiten und Grenzen, mit der Suche nach
Heil und Erfüllung. Die Geistzeit eröffnet die Nähe Gottes im
Zeitgeist. Beides ist aufeinander bezogen.
Vielleicht tut es uns gut, als Christen dem Zeitgeist offen und
neugierig, aber ebenso kritisch zu begegnen. Wir können das ganz
gelassen tun, weil Gott uns schon längst eine Geistzeit bereitet hat.
AMEN!
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