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Die letzten Tage |
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Von Grita-Gundulah Voß (10.09.2009)
Erfahrungen aus der Hospizarbeit
Sie hatte gerade ihren 90. Geburtstag gefeiert. Frau M. war eine lebenslustige Frau, nahm Anteil an politischen Geschehnissen, wusste sich auch sonst an allen Gesprächen zu beteiligen, war viel gereist und konnte sich begeistern.
Zum Hospizdienst wurde ich gebeten, als Frau M. nach einem Schlaganfall gelähmt war und nicht mehr sprechen konnte. Die Tochter, die weiter weg wohnte, erzählte mir, dass ein Pflegedienst die Mutter drei Mal am Tag betreute. Als wir gemeinsam zu ihr ins Zimmer gingen, beobachtete mich Frau M. abschätzend von ihrem Rollstuhl aus. Ich stellte mich vor, aber sie schien mir sagen zu wollen: "Was willst du hier?" Ich war unsicher und sagte ihr, dass ich sie besuchen könnte, wenn ihre Tochter wieder nach Hause fahren müsste. Nach einem Gespräch mit der Tochter über die Schwierigkeiten der Entfernung und der Krankheit und der Pflege, das Frau M. aufmerksam verfolgte, verabredeten wir den weiteren Besuch. Frau M. willigte ein.
Als ich das erste Mal meinen Dienst antrat, lag Frau M. im Bett und sah mich kaum an. Ich begrüßte sie und erzählte ihr vom Telefonat mit ihrer Tochter. Ich solle sie grüßen, sie sei traurig, nicht bei ihr sein zu können. Darum sei ich jetzt da. Ganz langsam drehte sie den Kopf zu mir und ich sah ihre Tränen.
"Es ist alles so schwer für Sie, der Schlaganfall und nicht sagen zu können, was Sie wollen oder nicht wollen - aber wenn Sie mir helfen, finden wir es gemeinsam heraus." Sie hatte mich verstanden. Sie konnte den Ablauf meines Besuches bestimmen, ich war nur ihre Begleitung. Ich entdeckte einen CD-Player und CDs mit klassischer Musik. Mozart? - Nein. Ein leichtes Kopfnicken bei Beethoven, also hörten wir gemeinsam.
Bei meinem nächsten Besuch fiel es mir nicht mehr ganz so schwer, herauszufinden und wahrzunehmen, was sie wollte oder meinte.
Einmal entdeckte ich eine Hautcreme auf dem Tisch. Ich roch daran und atmete den Duft tief ein. Sie sah belustigt zu, dann fragte ich sie, ob ich sie eincremen solle, das Gesicht, die Hände? Erst die Stirn, die Augenlider - ich sagte ihr jeweils, was ich tat. Sie ließ es geschehen. Als ich ganz sanft ihren Nacken massierte, meinte ich ein fast wohliges Behagen zu spüren. Ohne Worte saßen wir noch eine Weile beisammen. Ich merkte, wie ihre Hand die meinige suchte und sie drückte. Ich hatte wohl das Richtige getan, und sie war dankbar.
Dann kam Frau M. mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus. Es ging ihr sehr schlecht. Die Tochter bat mich, bei dem Arztgespräch dabei zu sein. Eine schwere Entscheidung war zu treffen: Ernährung über eine Bauchsonde oder nicht. Nach reiflicher Überlegung entschieden wir dagegen. Frau M. erholte sich ein bisschen, aber sterben wollte sie zu Hause. Ihre Kräfte waren aufgezehrt.
Sie lag jetzt fest in ihrem Bett und wir wechselten uns ab, bei ihr zu sein. Wir merkten alle, dass es auf den Tod zuging. Frau M. wurde sehr unruhig, als ob sie uns etwas mitteilen wollte. Wollte sie noch einen bestimmten Menschen sehen? Die Tochter rief alle Verwandten zusammen. Sie kamen und verabschiedeten sich.
Später rief mich die Tochter an, mit ihrer Mutter ginge es zu Ende. Ich fuhr hin. Frau M. hatte es schwer. Mir fiel der Vers ein: "Ach, Herr, lass dein lieb Engelein am End die Seele mein in Abrahams Schoß tragen", und fand ihn auf einer CD. Weil es dunkel geworden war, hatten wir eine Kerze auf dem Nachttisch angezündet. Am Schluss beteten wir gemeinsam das Vaterunser. Mir war, als spräche Frau M. die Worte mit. Die Tochter bat mich, sie jetzt nicht alleine zu lassen. Gemeinsam saßen wir am Bett, bis Frau M. ruhig eingeschlafen war. Wir ließen uns viel Zeit beim Abschiednehmen, sprachen den Segen über sie und riefen dann den Arzt. Zur Beerdigung wurde ich eingeladen. Das freute mich. Später sprachen die Tochter und ich über die gemeinsame Zeit. Auch, ohne Worte hatte Frau M. mir viel geschenkt.
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