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Zum Leben befreit Drucken
Von Lars Kunkel (11.06.2009)

Predigt zum Literaturgottesdienst "Der scharlachrote Buchstabe"

buchstabe.jpgWer gibt schon gerne Schuld zu? Wir sind zwar keine Puritaner.  Wir leben auch nicht mehr in einer strengen Gesellschaftsordnung, in der jede Übertretung eines Gebotes mit Tod, Gefängnis oder öffentlicher Demütigung bestraft wird. Und doch redet keiner gerne über Schuld.
Das heißt nicht, dass Menschen nicht mehr angeprangert werden. Jeden Morgen finden Sie in der Zeitung im Boulevardteil Berichte von Menschen, deren mehr oder minder anrüchiger Lebenswandel  genüsslich öffentlich gemacht wird. In der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst haben wir leidenschaftlich darüber diskutiert, ab wann jemand schuldig ist. Wo kann das Handeln eines Menschen noch verstanden oder zumindest toleriert werden, und wo fängt schwere Schuld an?

Wir haben auch darüber gestritten, ob es nicht sogar richtig ist, manche Menschen aufgrund ihrer Taten öffentlich anzuprangern. Doch dann haben wir erkannt: Wer über die schlimmen Taten anderer redet, entfernt sich ganz schnell von sich selbst, von der eigenen Schuld und den Schuldgefühlen.  

Es reicht heute nicht mehr aus, Schuld einfach als das Brechen von Geboten zu verstehen. Schuld tritt heute aber immer noch im Zusammenhang mit Scheitern auf. Ganz besonders im Versagen in Beziehungen. Erwachsene Kinder fühlen sich schuldig, weil sie nicht so für ihre alten Eltern da sein können, wie es erwartet wird. Eltern fühlen sich schuldig, weil sie nicht genug Zeit für ihre Kinder aufbringen können.  Partner fühlen sich schuldig, weil sie sich entfremdet haben und sich trennen. Heute spricht man kaum noch von Ehebruch. Die Schuldfrage ist ja längst kein Bestandteil des Scheidungsrechtes mehr. Doch glauben Sie im Ernst, dass Menschen in zerbrochenen Beziehungen sich nicht doch oft schuldig fühlen? Wir sind keine Puritaner. Es geht nicht um Anklage oder Schuldzuweisungen. Es geht auch nicht um Ehebruch. Wir wollen mit Ihnen einmal darüber nachdenken, wie Menschen mit Schuld umgehen.

 

Mit den drei Hauptfiguren des Buches, Hester, Roger und Arthur, werden drei Wege des Umgangs mit Schuld beschrieben. Doch nur einer davon ist ein Ausweg.

 

Fangen wir mit Arthur Dimmesdale an. In dem jungen Pfarrer konzentriert sich die Doppelmoral einer Gesellschaft, die allein das religiöse Gesetz zum Maßstab macht. Je enger die Grenzen des Erlaubten gefasst sind, desto eher werden Menschen in ein Doppelleben getrieben. Arthur Dimmesdale gilt als einer der einfühlsamsten Seelsorger und einer der glühendsten Prediger. Und doch ist er auch der Vater eines unehelichen Kindes. Aus Sicht der Puritaner ist er ein Ehebrecher. Doch Nathaniel Hawthorne arbeitet messerscharf heraus, dass Arthurs eigentliche Schuld darin besteht, sich nicht zu seiner Tat zu bekennen. Durch die Worte seines Kindes wird das entlarvt. In der dunklen Nacht am Pranger hält er die Hand seiner Tochter. Am helllichten Tag verfällt er wieder der Eitelkeit des gesetzlichen Predigers. Er vertritt ein fragwürdiges Gesetz, das er auch noch selbst bricht. Dadurch wird er doppelt schuldig. Er findet keinen Ausweg. Der Logik seiner Glaubensrichtung folgend, spricht er sich selbst  Gnade und Vergebung ab.  Sein Schweigen, das Bewahren des Scheins, das Leugnen und Verdrängen zermürben ihn. Am Ende stirbt er verzweifelt.

Wer sich immer verstellen muss, wer ein Doppelleben führen muss, wer immer sein „Alles-im-grünen-Bereich-Lächeln“ tragen muss, spürt das irgendwann körperlich und wird krank. In strengen Systemen kommt es häufiger vor, dass Menschen an ihrer Schuld, die nie ausgesprochen werden darf, zerbrechen. Doch wie ist das bei uns? Darf ich sagen, dass ich schuldig geworden bin? Darf ich zugeben, dass ich scheitere? Fehler mache? Ungerecht war? Viele Frauen leiden noch heute unter einer Abtreibung, die nie verarbeitet wurde, weil nie darüber gesprochen werden durfte.  Alte Männer gehen zugrunde an dem, was sie als junge Menschen im Krieg getan haben. Wer Schuld immer nur vertuschen muss, wird nie frei und lebendig. Ein Doppelleben kann kein wahres Leben sein. Und Doppelmoral widerspricht der Botschaft Jesu.

Roger Chillingworth geht einen anderen Weg. Er spielt sich als Rächer auf, dabei ist er selbst schuldig geworden, weil er als alter Mann die junge Hester wider besseren Wissens geheiratet hat. Doch viel zu spät erkennt er seinen Anteil an den Schuldverstrickungen.  Er rächt sich an Dimmesdale auf hinterhältige Art, in dem er sich als Freund ausgibt und ihn doch zugleich vernichten will. Auch diese Reaktion ist typisch für den Umgang mit Schuld. Der eigene Anteil wird verdrängt, man fühlt sich im Recht und richtet andere. Rache und Verdrängung fallen hier zusammen mit Selbstgerechtigkeit und Hass. Es gibt keine glückliche Rache. Sie zerfrisst Chillingworth, und auch für ihn gibt es kein Leben. Mit der Botschaft Jesu hat auch das nichts zu tun.

 

Hester ist die einzige, der es gelingt, mit der Schuld fertig zu werden. Sie nimmt die Schuld an. Das  scharlachrote „A“ für „adulteress“ trägt sie zunächst als Zeichen dieser Schuld. Einerseits ist dieses Zeichen Qual und Demütigung. Und doch wird es ihr dadurch möglich, sich zu ihrer Schuld zu bekennen. Sie trägt und erträgt die Schuld. Sie tut Buße. Vielleicht haben wir heute große Vorbehalte gegen diesen Begriff. Es ist für uns heute vollkommen unvorstellbar und empörend, dass eine Frau ein solches Zeichen tragen muss.

 

Doch am Beispiel Hesters zeigt sich, dass gerade der offene Umgang mit der Schuld und ihr offensiver Umgang damit zu einer Befreiung wird. Sie verdrängt nicht, sie weist nicht empört von sich, sie setzt sich mit ihrer Schuld auseinander. Sie gewinnt in ihrer Tapferkeit und ihrem Großmut so sehr an Ansehen, dass man ihr sogar das Schandzeichen abnehmen will. Doch jetzt kommt der entscheidende Moment: Sie trägt es weiter. Es ist jetzt nichts mehr, das ihr aufgezwungen wird. Sie ist jetzt nicht mehr in der Opferrolle, sie ist aktiv und emanzipiert. Sie ist gereift an ihrer Auseinandersetzung mit der ihr zur Last gelegten Schuld. Das Zeichen der Schuld ist zu einem Zeichen der Befreiung geworden. Sie, die vielleicht die Unschuldigste von allen ist, weil sie aus reiner Liebe gehandelt hat, hat ihre wahre Größe darin gezeigt, ihren Teil der Schuld zu tragen. Sie ist die einzige, für die sich eine neue Lebensperspektive jenseits von Rache und Verdrängung eröffnet. Es ist eben etwas ganz anderes, ob ich von anderen gebrandmarkt werde oder ob ich selbst bereit bin, zu meiner Schuld zu stehen.

 

Ich möchte deshalb die Frage vom Anfang noch einmal aufnehmen. Wer gibt schon gerne Schuld zu? Wer redet von seinem Scheitern, seinem Unglauben, seiner Untreue, seiner Hartherzigkeit? Sicher niemand, der dafür sofort verurteilt und angeprangert wird. Niemand, der diese Schuld als ausweglos empfindet. Wer immer nur unter Druck gesetzt wird, verliert das Leben leicht, irgendwo zwischen Verdrängen und Vertuschen oder selbstgerechter Attitüde des Saubermanns, lieblos und unfrei, erstarrt und verkrümmt, herzlos und ungeliebt.

 

Die Bibel eröffnet uns einen ganz anderen Weg. Der Apostel Paulus stellt ganz unumwunden fest, dass jeder Mensch Sünder ist. Es gibt keinen, der aufgrund seiner guten Taten bei Gott gut dasteht. Es macht auch keinen Sinn, die guten Taten gegen die bösen abzuwägen. Jeder Mensch wird schuldig in seinem Leben. Daher bekommt das „A“ jetzt eine neue Bedeutung. Es steht jetzt für „Adam“, den Adam, den Menschen an sich, der immer Sünder ist und schuldig wird. Allein schon diese Erkenntnis hat etwas Befreiendes an sich. Aber Jesus geht noch viel weiter.

 

Er sucht aktiv die Menschen, die schuldig geworden sind. Vor ihm brauchen sie sich nicht zu verstecken. Sie brauchen keine Angst vor Gott zu haben. Jesus schlägt den Menschen nicht die Gebote um die Ohren, um sie zu unterdrücken und zu quälen. Oft wissen sie in ihrem Herzen schon ganz genau, wo sie schuldig geworden sind. Jesus kommt und streckt die Arme aus.

 

„Jesus nimmt die Sünde an“. So heißt es in einem alten Kirchenlied. Die Selbstgerechten und Ankläger weist er hingegen in ihre Schranken. Richtet nicht, schärft er den Leuten ein. Und nur wer ohne Sünde ist, soll einen Stein werfen dürfen, doch der ist niemals geflogen.

Und doch deckt Jesus nicht alles mit dem Deckmäntelchen der Liebe zu. Er nimmt die Menschen ernst. Er nimmt ihre Schuld ernst. Er verurteilt nicht, aber er bagatellisiert auch nicht. Und so sprechen Menschen ihre Schuld aus, weil sie erfahren, dass Vergebung möglich ist. Im Lichte dieser Vergebung und der Liebe Gottes entsteht der Freiraum, ehrlich zu sein: zu Gott, der mir vergibt. Und dann zu sich selbst, und dann vielleicht auch zu den anderen, deren Verurteilungen mir nichts mehr anhaben können, wenn Gott mir doch vergibt.

 

Christen dürfen und müssen Unrecht beim Namen nennen. Christen können Beiträge zu ethischen Diskussionen liefern. Doch hüten wir uns vor Anklagen und den modernen Prangern. Christlicher Glaube misst sich nicht daran, wie vorbildlich wir die Gebote halten, sondern wie zuversichtlich wir auf die Vergebung hoffen.

 

Christen versammeln sich nicht unter einem Pranger. Der Pranger bringt Schande und Tod. Christen versammeln sich unter einem Kreuz. Das Kreuz bringt neues Leben. Dort darf Schuld genannt werden, weil die Vergebung einen Namen hat: Jesus Christus.

 

Und die Vergebung Gottes, die höher steht als alle menschliche Gerechtigkeit, schenke uns seinen Frieden.

AMEN.

 

Pfr. Lars Kunkel

Kaiserstraße 26

32545 Bad Oeynhausen
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