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Das richtige Gewicht (Predigt) Drucken
Von Administrator (01.09.2008)

Predigt zum Literaturgottesdienst an den Poetischen Quellen 2008

josephroth.jpg„Es war einmal.“ Wie ein Märchen beginnt die Geschichte des redlichen Eichmeisters Anselm Eibenschütz. Doch seine Lebensgeschichte ist in Wirklichkeit ein Drama. Anselm Eibenschütz versucht, in einer Welt ohne Recht und Gerechtigkeit redlich zu bleiben. Und er wird darin zu einer tragischen Figur, die an den eigenen Grundsätzen zerbricht. Dem Eichmeister wird sein eigenes Gesetz zum Verhängnis, indem er es gnadenlos Buchstabe für Buchstabe anwendet. Das wird ihm zu Verhängnis.
Als Soldat lebte Eibenschütz noch in einer geordneten Welt. Die Kaserne gab ihm Sicherheit. Er brauchte nichts zu entscheiden, sein Gewissen nicht zu belasten. Hier fühlte sich der Eichmeister seltsam geborgen. Zlotgorod ist anders. Hier betrügt jeder jeden. Die Menschen sind arm, die Sitten verfallen. Und die Gewichte der Händler sind falsch. Falls es hier Regeln gibt, sind sie dem Eichmeister fern. Anselms Aufgabe ist es nun, das Recht durchzusetzen. Er prüft die Gewichte. Er vermisst die Kaserne, das geregelte und klare Leben. Er wird belogen und einsamer. Seine Frau betrügt ihn. Alles gerät aus den Fugen. Da verliebt er sich in die schöne Euphemia, die  Freundin des Jadlowker. Allein und einsam gerät der redliche Eichmeister selbst in den Sog seiner Umwelt. Eine Zeit lang hält er stand. Dann bricht er.

Joseph Roth analysiert präzise die psychologische Struktur der Versuchung und den verzweifelten Versuch des Eichmeisters, ihr im Halten von Gesetzen und Ordnungen zu widerstehen. Dieser Weg ist eine Sackgasse, wie wir noch sehen werden.

Ganz am Anfang waren im Messen der Gewichte Recht und Gerechtigkeit noch verbunden. Den baldigen subtilen Verfall des redlichen Eichmeisters zeigt die Szene auf dem Markt. Der Eichmeister prüft die Gewichte der Geflügelhändlerin und lässt sie aus Güte frei. Hier bricht er das Gesetz, ist dabei aber barmherzig zum Wohle des Menschen. Wenn das Gesetz auch gerecht sein soll, muss es auch Barmherzigkeit kennen. Das Gesetz ist kein Selbstzweck. Sein Geist, sein Ziel ist es, Gutes zu tun und Menschen zu schützen. Diesem Geist des Gesetzes folgt Anselm zunächst noch.

Im nächsten Augenblick wendet der Eichmeister das Gesetz auf seinen Rivalen Jadlowker an. Durch die gnadenlose Umsetzung wird das Gesetz nicht wirklich erfüllt. Und das Schlimmste ist: Der Eichmeister hat Hintergedanken. Er will Jadlowker loswerden und benutzt das Gesetz gnadenlos. Zunächst ist er erschrocken, dann erkennt er seine Chancen. Nun ist der Weg frei zu Euphemia. Damit sind Recht und Gerechtigkeit auseinandergefallen. Und in diesem Moment spürt der Eichmeister, dass ihn in dieser Welt nichts mehr trägt. Jetzt richtet sich das Gesetz endgültig gegen ihn. Hatte er zuvor noch seine wahre Redlichkeit bewiesen, indem er die arme jüdische Familie Singer verschonte, muss er jetzt durch den Wachtmeister Piotrak getrieben auch hier das Gesetz gnadenlos anwenden. Das Gesetz der richtigen Gewichte führt zum Verlust der Menschlichkeit und Würde des Eichmeisters.
        
Wir Menschen heute leben in einer Welt, in der viele nach Werten und Ordnungen fragen. Europa hat längst die Zeit des Mittelalters verlassen, in der, dem Leben in einer Kaserne gleich, die Kirche den Menschen sagte, was genau zu tun sei, um selig zu werden. Durch Reformation und Aufklärung hat der Mensch mehr Freiheiten gewonnen und muss jetzt selbst bestimmen, wie er sein Leben zu führen hat. Doch die süße Freiheit hat einen bitteren Nachgeschmack. Freiheit kann auch Angst machen. Vieles scheint beliebig geworden zu sein. Deshalb wird auf der anderen Seite der Ruf nach klareren Ordnungen laut. Auch die Kirche ist gefordert. Die Begegnung verschiedener Kulturen, Religionen und Lebensweisen erfordern eine Antwort. Vielleicht wünscht man sich hier eine klare Aussage dazu, was richtig oder falsch ist. Doch wie kann diese Antwort lauten? Wie kann man sich in einer komplexen Gesellschaft treu bleiben? Wie kann Gutes geschehen? 

Diese Frage stellt sich ja auch für mein persönliches Leben. Was ist richtig? Welche Grundsätze tragen mich? Was ist gerecht und wie gehe ich mit dem Scheitern um?

Die Bibel gibt auf diese komplexen Fragen eine Antwort, die ebenso klar und einfach wie provokant ist. Paulus schreibt in seinem Brief an die Römer: „Bei Gott gibt es kein Ansehen der Person. Es gibt keinen Unterschied. Sie sind alle Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus Gnade.“

Es gibt gute Regeln und Gebote, es ist wichtig, das gerechte Maß zu finden. Doch Paulus weiß genau, dass jeder Mensch an diesem Gesetz scheitern muss. Entweder, weil es selbst nicht halten kann. Ich kenne niemanden, der jedes einzelne der Zehn Gebote einhalten kann. Aber selbst wenn das gelänge, was wäre das für eine Welt, in der ein Mensch sich selbst zum Richter macht und das Gesetz ohne Gnade durchpeitscht? Schon manch einer hat sich aufgeschwungen und sich zum Richter über Recht und Gerechtigkeit aufgespielt und ist daran kläglich gescheitert. Er mag den Buchstaben des Gesetzes erfüllt haben, aber nicht seinen Geist. Jedes Gesetz, jede Regel, jeder Grundsatz im Leben muss sich daran messen lassen, ob er wirklich das erfüllt, was er verspricht. Und ob er wirklich dem Leben dient. Und erst wenn Gesetz und Barmherzigkeit sich einen, kann man wohl von Gerechtigkeit und Redlichkeit sprechen.

Die hat der Eichmeister verloren. Nach dem Gesetz verdient er die Strafe. Die Welt richtet ihn. Jadlowker bringt den Eichmeister um und kein Hahn kräht danach.

Doch der große Eichmeister ist anders. Im Moment des Todes und in der Begegnung mit dem Richter über die Gewichte im Leben, bekennt Anselm seine Schuld. „Ich bin ein Händler wie alle Händler und meine Gewichte sind falsch. Soll das Gericht kommen“, sagt er. Doch der große Eichmeister überrascht ihn. Der zentrale Satz des ganzen Romans kommt vom großen Eichmeister, der sagt: „Alle Deine Gewichte sind falsch! Und dennoch richtig. Wir glauben, dass alle Deine Gewichte richtig sind.“

Treffender kann man kaum ausdrücken, was Rechtfertigung und Gottes Gericht bedeuten. Gott sieht uns an und er weiß, dass unsere Gewichte falsch sind. Unrecht wird benannt. Aber Gott glaubt an uns. Und macht dadurch unsere Gewichte richtig. Weil Gott Gott ist, macht er uns gerecht. Dieses Bild vom großen Eichmeister trifft den biblischen Glauben an Gottes Gerechtigkeit sehr genau und steht im Gegensatz zu den heimlichen Befürchtungen vieler Menschen vor einem unheimlichen, unbarmherzigen Gott, vor dem am Ende ja doch keiner bestehen kann.

„Deine Gewichte sind falsch und sie sind dennoch richtig“, sagt der große Eichmeister und damit Gott. Und zwar zu uns. Es geht Joseph Roth nicht um ein Märchen von einem redlichen Eichmeister. Er erzählt von einer Hoffnung, die uns angeht.

Europa hat die Kaserne des Mittelalters verlassen. Europa ist erwachsen geworden. Wir müssen unser Leben gestalten.  Hoffentlich gerecht und gut. Christlicher Glaube wirft hier einiges in die Waagschale: Der Einsatz für das Leben, Solidarität mit den Schwachen, Nächstenliebe und Bewahrung der Schöpfung sind richtige Gewichte.

Aber:  Jeder, der redlich ringt um sein Tun, darf auch Fehler machen.

Christliche Ethik pocht nicht auf die rechte Gesinnung und den Buchstaben des Gesetzes. Christliche Ethik ist Verantwortungsethik, die Rechenschaft gibt über ihr Tun und Rede und Antwort stehen kann. Das gibt uns Mut zur Freiheit. Das bewahrt vor Fundamentalismus in Europa. Und das befreit zum Leben, Glauben und Lieben in dieser Welt. Weil Gott uns gerecht macht. Weil wir alle nur Händler sind und Gott allein der große Eichmeister, der uns glaubt.

So endet kein Märchen, so fängt das Leben an im Hier und Jetzt.

AMEN

Kontakt: Pfarrer Lars Kunkel

 

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