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Über Grenzen gehen - Predigt Drucken
Von Lars Kunkel (26.06.2007)
Technik sicher das Überleben. Gott setzt den Menschen aber auch Grenzen.
Technik sicher das Überleben. Gott setzt den Menschen aber auch Grenzen.

Predigt zum Literaturgottesdienst - 23. Juni 2007 

Walter Faber steht vor den Filmrollen mit den Ereignissen, die sein Leben verändert haben. „Walter Faber auf dem Schiff", „Walter mit Sabeth". Er sucht eine bestimmte Szene für seinen Geschäftspartner, findet sie nicht sofort und muss alles ansehen. Seine Reisen, sein Abschied aus dem alten Leben, seine Selbstsicherheit, seine Verliebtheit in eine junge Frau, die seine Tochter ist.

Ihm werden die Ereignisse vor Augen geführt und er muss hinsehen. Aus dem distanzierten Betrachter ist ein Sehender geworden. Er sieht sein Leben, sein Schicksal, seine Schuld. Wer hält das aus? Homo Faber möchte sich blenden.


Das Betrachten der Filmrollen erinnert mich an das Jüngste Gericht, an die Hölle oder, sagen wir vielleicht besser, an das Fegefeuer. Ich stelle mir diesen Ort nicht als eine lodernde Flammenhölle vor. Aber als einen Ort, in dem uns unser ganzes Leben vor Augen geführt wird. Als einen Ort, an dem wir erkennen und begreifen, wer wir sind, was passiert ist. Als einen Ort, an dem wir uns selbst richten. Walter Faber geht mit sich ins Gericht. Früher war Walter Faber ein anderer.

Walter Faber ist ein selbstsicherer Mann, der die Welt berechnet. Das Leben besteht für ihn aus mathematischen Wahrscheinlichkeiten. Nicht aus Fügung oder Schicksal. Und selbst das, was sich dann in seinem Leben ereignet, sieht er als eine Kette von Zufällen an. Ein kleiner Nylonfaden im Rasierapparat ist so ein Zufall. Walter Faber repariert den Apparat, er ist somit noch zuhause, als ihn ein Anruf erreicht, der ihn genau das Schiff nehmen lässt, auf dem er Sabeth trifft und sich in sie verliebt. Immer sind es diese kleinen zufälligen Momente, die zu Weichenstellungen werden und Walter Fabers Leben zu einem Drama machen, zu einer Tragödie. Er, der die Welt als Ingenieur sieht, verliebt sich in ein Mädchen, das ihn an seine Jugendliebe erinnert und die doch ausgerechnet seine Tochter ist. Später muss er erkennen, dass ein Mensch seinem Leben nichts hinzufügen kann. Der alternde Mann sucht in der Begegnung mit der jungen Sabeth die Überwindung des Alters und der Vergänglichkeit. Er versucht, der Endlichkeit des menschlichen Daseins zu entrinnen. Und scheitert.

Walter Fabers Leben erinnert an eine klassische Tragödie. Ein intelligenter und großer Mann fällt sehr tief. Als junger Mann wollte Walter Faber das Kind von Hanna nicht, sie verlässt ihn darauf. Und Jahre später erkennt er dieses Kind nicht und hat eine Beziehung zu seiner Tochter. Er, der alles zu beherrschen glaubte, der nicht an Gott glaubte, sondern an sich selbst, zerstört damit alles. Fast scheint es, als hätten die Götter ein böses Spiel mit Walter Faber gespielt. Er, der nur an sich selbst und die Technik glaubte, wird für seine Hybris, seine Göttergleichheit bestraft. Seine Tochter muss sterben und sein eigenes Schicksal ist besiegelt. Das ist der Stoff klassischer Tragödien. Die Götter sind grausam.

Allerdings glauben wir nicht an Götter und ihre Launen, sondern an einen Gott. Und so müssen wir eine andere Deutung versuchen. Gott hat die Welt und die Menschen erschaffen. Er hat den Menschen mit Intelligenz und Bewusstsein ausgestattet und den Auftrag gegeben, die Welt zu bebauen und zu bewahren. Die Grundlage aller Kreativität, Mathematik, Schöpferkraft und Wissenschaft hat Gott in den Menschen hineingelegt. Verstand und Glaube schließen sich nicht aus. Gott begabt einen Menschen wie Homo Faber.

Walter Faber war vielen von uns im Literaturgottesdienstteam sehr sympathisch. Vielleicht sogar ein Mann, in den man sich verlieben könnte. Er wirkt selbstsicher und sieht gut aus. Er ist ein Mann in den besten Jahren. Und wir brauchen solche Homo Faber. Menschen, die etwas bewegen wollen. Menschen, die denken können und intelligent sind. „Ich ahne dies ..., Ich fühle das ....". Mit Ahnungen und Vermutungen und Orakeln kommt man nicht weit. Ohne die Homo Faber dieser Welt sähe alles anders aus. Selbst der Urmensch, der sich das Feuer in Dienst nahm und Werkzeug benutzte, war ein Homo Faber, der etwas aus sich und seinem Leben machen wollte. Der Homo Faber schafft und baut und bewahrt.

Aber er geht zu weit und überschätzt sich. Homo Faber will die Welt beherrschen wie Schachspiel. Er will die Endlichkeit des Menschen und seine Ohnmacht überwinden durch die Technik. Er will seinen eigene Vergänglichkeit überwinden durch die Beziehung zu dem jungen Mädchen, das ihn an seine Jugendliebe erinnert.

In zwei Szenen wird deutlich, wie dieser Weg scheitert. Nach dem Schlangenbiss versucht Walter Faber alles, um seiner Sabeth zu helfen. Er saugt das Gift aus der Wunde, er trägt sie mit übermenschlicher Kraft durch fremde Straßen, erduldet langwierige Fragen, rechnet sich aus, dass die Sterblichkeit bei Schlangebissen nur gering ist. Doch was hilft die Berechnung: Sabeth stirbt nicht an dem Schlangengift, sondern an einer Schädelverletzung, die so leicht heilbar gewesen wäre und doch übersehen wurde. Walter Fabers Berechnungen waren nutzlos. Der Mensch kann nicht alles vorausberechnen und kontrollieren. Eine schmerzhafte Erkenntnis des Lebens.

Die zweite Szene ist: Walter Faber fällt die Ähnlichkeit zwischen Hannah, seiner Freundin aus Jugendtagen, und Sabeth, seiner Geliebten auf. Er erkundigt sich sogar nach Sabeths Mutter und erfährt so, dass Sabeth Hannas Tochter ist, aber er schiebt den Gedanken beiseite, dass Sabeth seine Tochter ist. Er rechnet und rechnet und rechnet sich die Ereignisse zurecht. Homo Faber ist nicht nur Opfer, er hat auch Schuld. Er hätte die Ereignisse aufhalten und ändern können. Aber er erliegt seiner Leidenschaft und hält sich für unbesiegbar. Er betrügt sich selbst. Homo Faber verrechnet sich nicht nur irrtümlich, er verrechnet sich auch bewusst.

Und so nimmt die Tragödie ihren Lauf. Der Held fällt. Seine Tochter muss sterben. Er verliert seine Geliebte, er verliert seine Tochter, eine Zukunft mit Hanna ist unmöglich. Walter Faber sieht auf den Filmrollen die tragischen Sequenzen. Er wird konfrontiert mit seiner Hybris, seiner Überheblichkeit, seiner eingebildeten Gottgleichheit, der Besessenheit, die Endlichkeit zu überwinden. Walter Faber, der Homo Faber, will der Schaffer und Schöpfer sein, er will Gott sein. Und die Filmrollen werden zu Zeugen der Anklage und er sein eigener Richter.

Gott bleibt Gott und der Mensch ein Mensch. Und auch wenn der Mensch schöpferisch ist und plant, er bleibt Geschöpf. Wer diese Grenze, die Gott setzt, übertritt, muss vergehen. Wird fallen. Es gibt nur eine Sünde des Menschen: Der Anspruch, Gott zu sein. Das ist der Sündenfall. Das ist der Untergang.

Walter Faber darf noch einmal das wirkliche Leben kennen lernen. Ausgerechnet durch den Tod, der seine Lebenssinne schärft. In Cuba erfährt er die Sinnlichkeit des Lebens. Er riecht, schmeckt, spürt das Leben. Er preist das Leben. Tod und Endlichkeit des Lebens, die Unberechenbarkeit und das Schicksal, die Begrenztheit und Grenzen des Lebens haben Walter Faber nicht zerstört, sondern lebendig gemacht. Walter Faber filmt nicht mehr. Er sieht das Leben nicht mehr durch ein Objektiv, er nimmt am Leben teil. Und dieses Leben schreibt er auf. Am Ende nicht mehr auf seiner geliebten Hermes Baby, mit der er den Bericht über die dramatischen Ereignisse geschrieben hat, er schreibt von Hand. Die Ärzte haben ihm die Schreibmaschine genommen. Und der Bericht endet.

Walter Faber ist kein Christ und Max Frisch kein Theologe. Das Buch „Homo Faber" ist kein pädagogischer Roman, kein Entwicklungsroman, kein moralisches Buch. Er ist ein nüchterner Bericht einer Tragödie. Und ist damit ein Stück menschlichen Lebens. Homo Faber ist eine Dokumentation des Lebens, wie es nun einmal ist oder zumindest sein kann. Und an „Homo Faber" scheiden sich die Geister.

In vielen Menschen steckt ein Homo Faber, nicht nur in den Männern zwischen 40 und 50. Vielleicht sind Sie selbst auch ein Homo Faber oder eine? Dann fühlen Sie sich vom Schicksal des Homo Faber gerührt. Sind dennoch ein wenig stolz auf sich und fürchten zugleich auch den Absturz. Oder haben ihn sogar schon erlebt?

Und wenn Sie kein Homo Faber sind, wenn sie andere Lebensziele und Prioritäten haben? Wenn Sie nicht verstehen können, warum ein Mensch sich so sehr überschätzt? Dann haben Sie ein wenig Respekt vor diesen Menschen, die nicht nur etwas, sondern die sich selbst erschaffen wollen. Die sich frei und stark fühlen. Schütteln Sie nicht den Kopf über diese Menschen. Erheben Sie sich nicht. Aber sparen Sie sich auch ihr Mitleid.

Ein Homo Faber braucht das nicht. Er verabscheut es sogar. Ein Homo Faber geht lieber mit erhobenem Haupt unter oder wird zerstört oder bleibt nachdenklich zurück.

Es gäbe aber noch einen anderen Weg. Der „Homo Faber" könnte auch die Gnade Gottes erfahren.

Und die würde ich heute Abend so beschreiben: Der Homo Faber muss schmerzhaft seine Grenzen erfahren. Doch darin muss nicht der Untergang liegen. Es kann auch eine neue Lebenserfahrung sein. Die Erkenntnis lautet: Wir Menschen sind nicht die Herren unseres Schicksals. Wir können nicht alles berechnen und beherrschen. Unsere Handlungsmöglichkeiten haben Grenzen und unser Leben ist begrenzt. Wir sind Geschöpfe und nicht Gott. Dass zu erkennen bedeutet, bescheidener zu werden. Bedeutet: Allmachtsphantasien aufzugeben, die die Angst vor der Endlichkeit uns einimpft. Bedeutet: Sich vom Gedanken der Beherrschbarkeit des Lebens zu verabschieden. Das meint aber nicht: In Resignation zu verfallen.

Die Menschlichkeit des Menschen anzuerkennen heißt viel mehr, mitten im Leben anzukommen. Bewusst zu leben. Liebe und Schmerz zu empfinden. Mitleid zu haben mit anderen und sich selbst. Leid zu empfinden und Lust zu spüren. Mensch zu sein heißt: Mächtig zu sein, aber nicht Allmächtig, schöpferisch zu sein, aber nicht der Schöpfer.

Wir sind Menschen. Wer das erkennt und annimmt, beginnt zu leben. Wirklich zu leben. Auch mit der Endlichkeit des Lebens, die keine Technik überwindet. Zu leben auch mit dem Tod, aber wahrhaftig zu leben. Immerhin!

 

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