logo_06-05x_web_640px
 
KontaktLoginSitemapImpressum
  Home arrow Gottesdienst arrow Predigten arrow Der ohnmächtige Gott
         
Home
Unsere Gemeinde
Auferstehungskirche
Gottesdienst
Café im Foyer
Familienzentrum
Kirchenmusik
Service

Altstadtgemeinde twittert title=

facebook_button.jpg

youtube-small-square-3220586.png 

 

 

 

Der ohnmächtige Gott Drucken
Von Lars Kunkel (13.11.2006)

Predigt zum Literaturgottesdienst am 11.11.2006 über "Die Pest" von Albert Camus

klicker0801Man müsste sie von den Kanzeln 'runter stoßen. Die, die behaupten: „Liebe Brüder, ihr seid im Unglück! Liebe Brüder, ihr habt es verdient!" Die da reden von dem blutigen Dreschflegel, der willkürlich zuschlägt, um die Menschen zu bestrafen. Weil sie lau geworden sind. Weil sie auf die billige Gnade Gottes setzen.

Man müsste sie von den Kanzeln 'runter holen, wenn sie behaupten, dass der Tod, die Ängste und das Schreien zum Ursprung des Lebens führen. Und darin Tost verkünden. Und aufrufen, Gott zu lieben. Ihnen muss man entgegen schreien: Nein!

Camus tut dies mit den Worten des Dr. Rieux. Der sagt: „Ich werde mich bis zum Tod weigern, die Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden."

Camus beschreibt herzzerreißend das grausame Sterben eines Kindes. Wer kein Herz aus Stein hat, der muss durch dieses Leid angerührt und wütend werden. Und wie Dr. Rieux dem Priester Paneloux entgegen schleudern: „Dieses Kind hier war unschuldig, das wissen Sie genau!" Im Sterben eines Kindes und im Leiden eines jeden Menschen liegt ein Aufschrei gegen Gott.

In der Geschichte der Theologie gibt es genug Beispiele dafür, dass das Leiden der Menschen als eine Art Zucht verstanden wurde. Oder -  abgemildert - als ein Reizmittel zur Besserung des Menschen. In der modernen Seelsorge hat sich die Sicht auf die Krankheit und das Leid zwar geändert. Heute sehen wir, dass ein Mensch im Leid hier und da verändert wird und wachsen mag. Trotzdem kann Leid kein Zuchtmittel Gottes sein, nicht einmal eine pädagogische Maßnahme.

Die Religionskritik Camus' trifft uns deshalb  radikal: Wie können wir einen Gott lieben, der Menschen leiden lässt? Und wie können wir überhaupt an einen Gott glauben, wenn die Welt doch letztlich so absurd ist?

Albert Camus legt den Finger in die tiefste Wunde unseres Glaubens.  Wie viele Theorien haben wir angesichts der Frage nach dem Leid in der Welt aufgestellt? Wie sehr haben wir versucht, das Leid in unseren Glauben an einen gütigen Gott einzubauen. Sind unsere Augen wirklich offen für das Elend? Oder sagen wir nicht: „Was ich tagein tagaus sehe, ist unerträglich. Ich schalte ab."

Dr. Rieux kämpft einen verzweifelten Kampf gegen das Böse. Seine Siege als Arzt sind vorläufig, es ist eine Niederlage ohne Ende. Er ist der Sisyphos. Aber er ist nicht glücklich. Darum geht es ihm nicht. Sein Motiv ist die Menschlichkeit, das Mitgefühl, die Freundschaft. Und da er von Gott nichts erwartet, stellt er sich selbst dem Elend. Das hat ihn das Elend gelehrt.

Auch Pater Paneloux hat das Kind sterben sehen. Und jetzt verändert sich in seiner zweiten Predigt seine Haltung. Wir haben ihn in diesem Gottesdienst symbolisch von der Kanzel geholt. Aus dem akademischen Denker im Elfenbeinturm ist nun ein Mensch auf Augenhöhe mit dem Elend geworden. Und er hält eine zweite Predigt. Er sagt jetzt nicht mehr „Ihr", sondern „wir". Und er predigt nun: Es gibt nichts Wichtigeres auf Erden als das Leiden eines Kindes. Und kein Mensch, der dieses Leid erlebt hat, kann behaupten, dass ewige Wonnen im Himmel dafür einen Ausgleich bieten. Es geht darum, dieses Leid zu sehen, im Elend zu stehen am Fuße des Kreuzes. Und dann alles zu glauben oder alles zu leugnen.

Liebe Gemeinde, dieser Gedanke von Paneloux hat etwas sehr Bestechendes. Vielleicht sogar mehr, als uns lieb ist. Er ist so radikal, dass der Gedanke fast ungehörig ist, und wir haben in unserem Vorbereitungskreis lange darüber nachgedacht, wie wir diese Art an Gott zu glauben, bewerten.

Paneloux sagt: Wir müssen alles glauben oder alles verwerfen. Es hilft nichts, das Leid von Gott zu trennen oder von ihm abzuspalten. Wir können nicht sagen: „Es gibt einen lieben Gott und deshalb kommt das Leid woanders her." Ja woher kommt es denn dann, wenn wir an einen allmächtigen Gott glauben? Wir können auch nicht sagen, dass wir in der besten aller denkbaren Welten leben, denn ich könnte mir bessere Welten denken, und bestimmt hätte Gott eine bessere Welt schaffen können. Es hilft auch nicht weiter, das Elend auf die Freiheit des Menschen zu schieben. Vieles Böse kommt ohne menschliches Zutun über uns. Entweder wir glauben an alles oder an nichts. Entweder wir glauben an Gott oder wir lassen es besser bleiben. Das ist der Fatalismus, den Paneloux verkündet.

Aber er predigt einen tätigen Fatalismus. Das heißt für einen Christen, im Elend dabei zu bleiben und etwas dagegen zutun. Camus erzählt von einem Priester, der im Krieg einen Soldaten mit ausgestochenen Augen sah und darüber seinen Glauben verlor. Paneloux meint dazu: Wenn der Unschuld die Augen ausgestochen werden, muss ein Christ seinen Glauben verlieren oder sich darein fügen, dass ihm selbst die Augen ausgestochen werden. Wer den Glauben nicht verlieren will, muss bis zum Äußersten gehen: Gott alles glauben und im Leid gegen das Leid kämpfen und sich selbst nicht schonen. Paneloux wird Mitglied bei den Sanitätstruppen und stirbt später an der Pest mit dem Kreuz in der Hand.

„Wir arbeiten zusammen", sagt er zur Dr. Rieux, „für etwas, das uns jenseits von Gotteslästerung und Gebet vereint." Im Kampf gegen das Elend stehen Priester und Arzt eng zusammen. Wenn aber Atheisten mindestens genau so menschlich handeln wie Glaubende, stellt sich die Frage: Was hat der Glaube an Gott für einen Sinn? Zumal dieser Gott das Elend vielleicht verhindern könnte und es nicht tut.

Liebe Gemeinde,

sie erkennen in diesem Moment sicher, dass die Gedanken von Camus und dieser Gottesdienst uns heute Abend einiges zumuten. Es kann und soll ja nicht Ziel eines Gottesdienstes sein, Glauben zu zerstören. Aber es darf das Ziel sein, unseren Glauben zu hinterfragen. Viel zu leicht kommen uns tröstliche Worte über die Lippen, die angesichts des Leides zu Floskeln erstarren müssen, in denen die Menschlichkeit erfriert.

Die Pest stellt die Menschen in der Stadt Oran vor eine Entscheidung: Flucht oder Kampf. Glauben oder Leugnen. Das Buch „Die Pest" verlangt uns heute Abend vielleicht nicht weniger ab. Denn wir können nicht einfach abwinken und die Fragen Camus' an uns abperlen lassen.

Paneloux fordert: „Alles glauben und kämpfen". Aber was bedeutet das „alles glauben" nun genau? An welchen Gott glauben wir?

Das große Auferstehungsfenster dieser Kirche liegt heute Abend im Dunkeln. Unser Licht fällt heute Abend nur auf Christus. Und dort sehen wir keinen Gott, der siegt. Keinen allmächtigen Gott. Dort am Kreuz erkennen wir den leidenden Gott. Dort am Kreuz laufen die Fäden zusammen: Auf der einen Seite ist dort Gott, auf der anderen Seite das Elend dieser Welt. Und wir stehen hier am Fuße dieses Kreuzes und schauen auf Christus. Wir wünschen uns in unserer Not vielleicht einen anderen Gott. Einen, der vom Kreuz springt und alles Unrecht und Elend dieser Welt beendet. Aber die Bibel weist den Menschen an diesen Gott: An einen ohnmächtigen und leidenden Gott. Wir haben keinen anderen.

Aber nur dieser Gott kann helfen. Denn wenn Gott als der Allmächtige im Himmel thronen würde, dann könnten wir uns entweder wie Paneloux in den Fatalismus flüchten oder den Glauben besser gleich aufgeben. Doch allein diesen Ohnmächtigen und Leidenden können wir ertragen. Weil er mit uns leidet und wir mit ihm. Und nur dieser Gott hilft. Nur der Glaube an diesen Gott macht den Glauben überhaupt erträglich angesichts des Leides.

Von diesem leidenden und mit-leidenden Gott erzählt die Bibel, dass er zu den Sündern ging, zu den Schwachen und Verlorenen. Dieser Gott hat Menschen durch seine Nähe geheilt. Zu diesem Gott sind die mächtigen Könige an die Krippe gekommen. Zu diesem Christus hat sich der mächtige Hauptmann bekannt. Dieser Gott kommt uns wirklich nah und begleitet uns. Und damit hilft er uns auf.

In diesem leidenden und mitleidenden Christus ruft Gott uns auf, Mitleid zu empfinden und gegen das Elend anzugehen. Nachfolge bedeutet: Mitleiden. Und damit auch Handeln!

Christlicher Glaube bedeutet deshalb nicht Depression, sondern Tat. Dietrich Bonhoeffer hat diesen Gedanken in einem Brief am 16.7.1944 so formuliert:

„Wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, daß wir in der Welt leben müssen - ,,etsi deus non daretur - als ob es Gott nicht gäbe (...) Gott selbst zwingt uns zu dieser Erkenntnis. (...)Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. " Wir handeln und leben, als ob es Gott nicht gäbe. Dieser Glaube macht uns mündig und dazu bereit, Verantwortung zu übernehmen. Da ist uns Dr. Rieux ganz nah.

Doch wir müssen nicht wie er verzweifeln. Denn wir leben auch vor Gott und mit Gott. Und ich habe im Umgang mit Trauernden und Sterbenden oft erlebt, dass dieser Gott Ihnen Kraft gibt. Durch sein Dabeisein. Und wir wissen auch, dass das Kreuz nicht nur ein Symbol der Schwäche und des Leides ist, sondern auch ein Sieg über die Zerstörung und den Tod. Das ist keine Spekulation, sondern eine Erfahrung, die Menschen in ihrem Leben hier machen können.  

Und doch: das Sterben eines Kindes bleibt ein grausames Rätsel. Eine Antwort darauf zu finden, kann sich keiner anmaßen. Und gäbe es eine Antwort, ob sie uns versöhnlich stimmen würde? Das Leiden bleibt für mich ein Stachel im Glauben. Doch ich bleibe mit diesem Stachel nicht allein, sondern lege heute Abend meine Fragen und meinen Zweifel unter das Kreuz.

Denn dort sind wir nun endgültig angekommen, und das ausgerechnet durch die Lektüre eines religionskritischen Philosophen. Dort finden wir den Gott, der Leiden und Zweifel teilt. Dort finden wir den Gott, der uns liebt. Dort finden wir den Gott, der uns in die Verantwortung nimmt. Wir sind bei dem Gott angekommen, der uns ganz nahe ist als Menschen in der Revolte gegen das Leid.

Ich kann nur an einen Gott glauben, der die Absurdität und Sinnlosigkeit teilt. Und ich kann nur diesen Gott lieben und keinen anderen.

Und der Friede Gottes, der höher steht als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN.

 

(C) 2006 Lars Kunkel 

 

 

Für Sie ausgewählt

 

 

Tipps
mehr Tipps
#c8f4f7 #F1F4F7  
© 2018 Kirchengemeinde Bad Oeynhausen-Altstadt
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.